Druckschrift 
2,1 (1902)
Entstehung
Seite
268
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268 P. Jacobsohn,

sondern auch die personelle Umgebung des Kranken dem Regimeder wissenschaftlich geregelten Krankenpflege zu adaptiren, häufig zuCompromissen gezwungen sieht, welche durch Schwierigkeiten mannig-facher Art bedingt sind. Obenan unter diesen Schwierigkeiten steht, wiebereits berührt wurde, der immer noch vorhandene numerische Mangelan vollausgebildeten Pflegepersonen beiderlei Geschlechts, aufdessen Ursachen hier noch etwas näher eingegangen werden muss. Trotzder umfassenden Agitation der genossenschaftlichen Organisationen durchzahlreiche Zeitungs-Aufrufe melden sich gegenwärtig doch nur verhältniss-mässig wenige Personen bei den Oberleitungen, um die Vorbereitung fürden Krankenpflegeberuf zu beginnen. Sowohl seitens vieler Diakonissen-Anstalten, als auch seitens mancher Roth-Kreuz-Mutterhäuser, ebenso seitensder Diakonen-Anstalten ist wiederholt darüber Klage geführt worden, dassdie Bevölkerung ein auffallend geringes Kontigent an Aspiranten für diegenossenschaftliche Krankenpflege liefert. Es handelt sich hierbei alsonicht etwa darum, dass sich unter den sich für den KrankenpflegeberufMeldenden zu wenige für seine Ausübung gut geeignete Personen be-finden, sondern darum, dass die Zahl der sich diesem Berufe Zuwenden-den überhaupt eine verhältnissmässig sehr geringe ist, eine viel geringere,als man a piiori nach der Bevölkerungsziffer und nach dem Vergleichemit anderen ßerufsarten erwarten sollte. Zweifellos liegt es besondersnahe, diese Erscheinung aus den inneren Eigenthümlichkeiten des Kranken-pflegeberufes heraus erklären zu wollen und anzunehmen, dass die Eigen-artigkeit der Bethätigung, der dauernde Verkehr mit Kranken, der häufigeAnblick körperlicher wie seelischer Leiden, die Verantwortlichkeit derStellung, die Strapazen des Pflegedienstes, die Notwendigkeit auchgröberer und unsauberer Arbeiten, die Gefahr einer Ansteckung auf vieleNaturen, deren Aufopferungsfähigkeit eine begrenzte ist, abschreckendeinwirken. Diese Annahme hat sicherlich auch eine gewisse Berechti-gung. Ungleichmässige, nervöse, leichtlebige, egoistische Personen sind,wie erwähnt, direct ungeeignet und unerwünscht für den Pflegeberuf,weil sie vermöge ihrer unpassenden Charaktereigenschaften selbst beilangdauerndem Fachunterricht doch niemals ihre Thätigkeit in einer denärztlichen Anforderungen hinreichend entsprechenden Weise versehenwerden. Andererseits ist aber, wie die tägliche Erfahrung lehrt, dieZahl der ernsten, aufopfernden, ihre Aufgabe mit unerschütterlicherTreue und Hingebung, die sie alle Schwierigkeiten überwinden lässt, er-füllenden Menschen nicht gar so gross; bei den Meisten tritt vielmehr,in der Gegenwart sogar in steigendem Maasse, die Neigung sich per-sönliche Annehmlichkeiten und Genüsse zu verschaffen, viel zu sehr inden Vordergrund, als dass ihnen allein das Bewusstsein treu erfüllterPflichten hinreichende Beglückung und Befriedigung gewährte. Beivielen Menschen kann man als einen charakteristischen Zug feststellen,dass sie danach streben, die Summe der ihnen erreichbaren äusserenAnnehmlichkeiten möglichst zu erhöhen, dagegen die an sie gestelltenAnsprüche hinsichtlich anstrengender und mühevoller Arbeitsleistung