v. KNEBEL 334
der Ankündigung am 9. Oktober gemeldet hatte. „Höchst er-schrocken bin ich über H. D. Mundts Vorschnelligkeit," ant-wortete der Kanzler am 16. Oktober; „ich hatte ihn dringend ge-beten, über die Großherzogl. Briefe erst mit Ihnen u. mir sorgfältigzu conferiren. Nunmehr beschwöre ich Sie, mir schleunigst mit derReitpost das Corpus delicti (das Mundtsche Heft) zu senden,um nicht im Dunkeln zu tappen. Kommen bedeutende Anstöße darinvor, so bliebe nichts übrig als coüte que coüte das Heft Umdruckenzu lassen, da die Folgen unabsehbar wären, wenn die Groß-herzogin das Andenken ihres Schwiegervaters w i r k 1. verletztfinden könnte. Mit Zelterianis hielte das keinen Vergleich aus, u.wir beide hätten es mit zu entgelten. Die Redaction der sämtl. Briefesoll allerehstens folgen."
Als diese Zeilen eben abgegangen waren, erhielt Kanzler v. Müllerein Exemplar der „Schriften in bunter Reihe" von seinem Buch-händler zugeschickt. „Ich begreife recht wohl," hieß es in seinemübernächsten Brief an Varnhagen (1. November), „daß es Ihnen eineschlaflose Nacht bringen konnte. Weniger noch um des Großherzogswillen — wiewohl ,die blauen Sklaven' Skandal genug geben werden,als um Herders willen. Dieser gewinnt durch den Ausfall überFürsten herzen den Anstrich schwärzester Undankbarkeit jaHeuchelei. Er gerade hat die Herzen unsrer Fürstinnen mehr als jeein Andrer erprobt. H. [Herzogin] Amalie verkaufte heimlich Perlen-schmuck um Herders Reise nach Italien zu bemöglichen u. H. Louiseließ ihm durch Goethe von Zeit zu Zeit bedeutende Summen im stillenzustecken. Auch widmete Er beyden Fürstinnen innigste Verehrungund nur in einem düstern Momente bittern, hypochondrischen Un-muths entschlüpfte ihm jener unbedachte Ausruf. Er würde denFluch auf jeden geschleudert haben, der so etwas drucken zu lassenfähig geschienen. Und in welche häßliche Stellung kommt die Knebel-sche Familie zu der Herderschen, die so bereitwillig zur Vervoll-ständigung der Briefsammlung beigetragen? Herrn Mundts Über-eilung ist unverzeihlich. Mußte er nicht Ihre Rückkehr abwarten?Hatte ich ihn nicht eindringlich gewarnt, u. höchste Vorsicht emp-fohlen? Hätte er nicht mindestens die Erlaubniß der Knebels erstabwarten müssen? Seinem Hefte hätte es nichts geschadet, wennes auch einige Wochen später erschienen wäre, u. eben so wenighat es den guten Eindruck, auf den die Mittheilung von Proben ausKnebels Nachlaß berechnet war, erhöht, daß die fragl. Stellen mitabgedruckt worden. Welcher Triumph wird es für unsre aestetischenSansculottes seyn, wenn sie solche Stellen citiren können! Daß beyder Gesamt-Ausgabe des Knebeischen Nachlasses diese Pudendawegbleiben müssen, ist ausgemacht, aber dadurch noch nicht vielgebessert. Zum Glück gelang es mir das Heft, was schon im Vor-