Fürsorge auf dem Gebiete der Krankenwartung. 225
sein ganzes Verhalten und Benehmen am Krankenbett so einzurichten,wie es für den seelischen Zustand der Krankenhausinsassen am zweck-mässigsten sei. Gerade in der Aufstellung dieser Forderung spricht sichdie ärztliche Fürsorge um die Gestaltung der personellen Umgebung desKranken in hervorragender Weise aus. Für den therapeutischen Wertheines dieser Forderung, entsprechenden Pflegepersonals sind neuerdingsinsbesondere v. Leyden, M. Mendelsohn. E. Dietrich, P. Jacobsohn,G. Meyer wiederholt eingetreten. Sehr treffend sagt v. Leyden (vgl. Zeit-schrift f. diätet. u. physical. Therapie, Bd. III, 3): „Die Ausbildung derPflegerinnen und Pfleger in dem heutigen "Sinne soll nicht schematisch aufdie Ausführung der ärztlichen Anordnungen beschränkt bleiben, sondernsie sollen angeleitet werden die Gedanken und Gefühle des Krankeneinigermaassen zu verstehen und sich zu vergegenwärtigen, dass derKranke nicht beherrscht, sondern bedient und gepflegt sein will." Haupt-sächlich wohl aus diesem Gesichtspunkte eines recht rücksichtsvollenund tactvollen Benehmens dem Kranken gegenüber ist in den letztenJahren von vielen Seiten der Wunsch ausgesprochen worden ingrösserem Maassstabe gebildetere Kräfte für die personelle Kranken-wartung heranzuziehen, ein Verlangen, welches an sich ja nur sehr zuunterstützen ist, vorläufig aber noch in praxi grossen Schwierigkeitenbegegnet, weil in den gebildeteren Kreisen sich nur verhältnissmässigwenige Personen finden, die zur Erwählung des Krankenpflegeberufesbereit sind. Es lässt sich jedoch durch geeignete Belehrung und Fort-bildung auch bei vielen mit einfacherer Allgemeinbildung versehenenPflegepersönen, wie sie bis jetzt noch das Gros des die Krankenpflege aus-übenden Materials darstellen, ein recht gutes Niveau für das Benehmen amKrankenbette erreichen, wofern nur eine einigermaassen geeignete Charakter-anlage und guter Wille vorhanden ist. Vor allem aber müssen die Pflege-personen nicht ängstlich davor behütet werden die wichtigsten undhäufigsten Krankheitszustände und Krankheitsursachen in den Hauptzügenihres Wesens zu begreifen und zu kennen, wie man es bisher mancherseitsfür richtig hielt; denn zweifellos kann man die Gedanken und GefühleKranker nur dann beurtheilen und verstehen, wenn man ihre Lageeinigermaassen zutreffend zu würdigen im Stande ist. Ein zweckmässigerUmgang der Pflegepersonen mit den Kranken ist unbedingt nothwendig,aber schwierig. Hier gilt es den Muth und die Geduld Verzagender zustärken, Missmuth und Trübsal zu zerstreuen, Hoffnungen anzuregen undzu beleben, behutsam Trost zu spenden, den Niedergeschlagenen aufzu-richten, den Aengstlichen zu beruhigen, den Grübelnden abzulenken undzu beschäftigen, dem Fragenden tactvoll zu antworten, den Erregten zubeschwichtigen, den ungestümen Reconvalescenten zurückzuhalten, miidem Empfindlichen auszukommen, den Widerspenstigen zu ermahnen undzu belehren, den Unwissenden und Unbesonnenen aufzuklären, und dabeistets die eigene Autorität und die des behandelnden Arztes zu wahrenund zu vertheidigen ^— fürwahr, besonders in den öffentlichen Kranken*anstalten, keine geringe Aufgäbe!-''''
Handbuch der Krankenversörgung u. Krankenpflege. II. Bd. k