"2 P. .Jacobsohn,
Fragen wir uns nun, welchen Umständen wir insbesondere daskräftige Emporblühen der Krankenpflege in der Gegenwart zu verdankenhaben, so ist hierauf zu antworten, dass der grösste und nachhaltigsteEinfluss auf die Gestaltung der modernen Krankenfürsorge durch denEntwicklungsgang ausgeübt worden ist, den die wissenschaftlicheModi ein unserer Tage genommen hat. Wenn auch unumwunden an-erkannt werden muss, dass die umfassende Verbreitung menschen-freundlicher Gesinnungen und humanitärer Bethätigung, welche geradezuals ein hervorstechender Charakterzug unserer Zeit angesehen werdenmuss, sehr erheblich dazu beigetragen hat, das Interesse für dieKrankenfürsorge zu steigern und die Aufmerksamkeit weiterer Kreisediesem Gebiete zuzuwenden, und wenn auch dankbar hervorgehobenwerden soll, dass die öffentlichen Behörden mit hervorragender Bereit-willigkeit und Freigebigkeit, mit eindringendem Verständniss undrastlosem Eifer die Einrichtungen der Krankenpflege nach Kräften ge-fördert und gebessert haben, so muss doch constatirt werden, dassden Fortschritten und Leistungen der wissenschaftlichen Medizin inerster Linie das Verdienst gebührt, das Fundament zu dem stolzenBau der modernen Krankenfürsorge gelegt zu haben.
Vor allem sind es /zwei ganz verschiedenartige Momente indem Entwickelungsgange der medicinischen Wissenschaft gewesen, welcheder schnellen Entfaltung der Krankenpflege besonders förderlich waren,ein mehr positives und ein mehr negatives. Das erstere liegt in demEmporblühen und den Erfolgen der öffentlichen Gesundheits-pflege und in dem Umstände begründet, dass auf der Basis der fun-damentalen Entdeckungen auf bacteriologischem Gebiet und des sieg-reichen Vordringens der antiseptischen Methode ganz neue Anschauungenüber Wesen und Verhütung vieler häufiger Erkrankungen verbreitetwurden, welche auch auf die Gestaltung und Handhabung der Kranken-fürsorge eine bedeutsame Einwirkung äussern mussten. Die Erkenntniss,dass die Erhaltung der Gesundheit an die Voraussetzung einer strenghygienischen Lebensweise geknüpft sei, musste auch mit Notwendigkeitdazu führen, dass man den Lebensverhältnissen bereits erkrankter Per-sonen erhöhte Beachtung zuwendete und sich bemühte, dieselben denFortschritten der Wissenschaft entsprechend umzugestalten und zu ver-bessern. Der zweite bedeutungsvolle Umstand, der hier in Frage kommt,ist in den relativen Misserfolgen und unzureichenden Leistungender rein medicamentösen Therapie zu erblicken, infolge deren sichdie Aerzte gezwungen sahen, mit verschärftem Auge nach neuen Heil-faktoren nicht medicamentöser Natur auszuspähen. Ihre erhöhte Aufmerk-samkeit richtete sich auf das Gebiet der Diätetik und der Kranken-pflege, um aus demselben neue Waffen zur Ueberwindung der verschie-denen Erkrankungen zu schmieden, gegen welche sich die bisherigentherapeutischen Bestrebungen nicht wirksam genug erwiesen hatten. Soerlangten aus zwei verschiedenen wissenschaftlichen Gesichtspunktenheraus die Bemühungen eine gewichtige Unterstützung, welche darauf