Sonderanstalten und Fürsorge für Genesende. 711
Dass Tuberculöse im Anfangsstadium nicht ausgeschlossen seinsollen, wie es in München (wohl nur bis zur Eröffnung der Lungenheil-stätten) geschieht, scheint uns nicht ganz einwandfrei zu sein, namentlichim Hinblick auf die erhöhte Disposition Genesender zu Neuerkrankungen.
Viel mehr als für Krankenhäuser ist für Genesungsheime die Tren-nung der Geschlechter erforderlich, denn die erwachende Lebenslustund -Kraft würde zu bedenklichen Missständen führen, wenn man auchdurch die vorherige Beobachtung im Krankenhause (dem aber auch nichtalle Insassen entstammen) sittlich verdächtige Elemente vom Reeon-valescentenheim fern halten kann und wird.
Das Urtheil, welches man in Deutschland über so viele Maassnahmenzur Hebung der Volksgesundheit und des Yolkswohls fällen muss, dassihnen die Einheitlichkeit fehlt und dass darum vielfach wcrthvolle Kräftedurch Zersplitterung verloren gehen, trifft auch auf die Genesungsstättenzu. Die Einrichtungen derselben sind so verschiedenartig, wie die Ver-anstalter, wie das Folgende zeigen Avird.
Zuerst sind es auch wieder — man darf wohl sagen: naturgemäss— die wohlthätigen Vereine, welche derartige Institute schufen. Undes bleibt jedenfalls die Begründung und Erhaltung von Gene-sungsheimen so lange auf die Wohlthätigkeit und Unter-stützung von Privaten, Vereinen und Genossenschaften (seies weltlicher, sei es kirchlicher Art) angewiesen, als sie vonder xirmenpflege und sonstigen öffentlichen Einrichtungenoder von den allgemeinen Krankenhäusern nicht unter-nommen werden und als deren Bestandteile zu gelten haben.Es ist zur Zeit freilich noch in absolut ungenügender Weise in dasPublikum gedrungen, welcher Werth den Reconvalescentenheimen zuzu-schreiben ist, und welche ungeheuere Notwendigkeit sie sind, anderer-seits, wie die allgemeinen Krankenhäuser durch ausgiebige Erbauungund Benutzung jener entlastet und damit zu billigerem Betriebe odererhöhter Thätigkeit befähigt werden.
(jenesungsstätten einzelner Vereine — Privatgrüudnngen.
Eines der bekanntesten Genesungsheime ist dasjenige des Frank-furter Vereins für Reconvalescentenanstalten zu Neuenhainbei Soden im Taunus. Es liegt an der von Soden nach Königsteinführenden Landstrasse auf einer Terrasse, etwa 250 m über dem Meeres-spiegel, südlich vom Feldberg und Altkönig weit hinabschauend in dieherrliche Mainebene und hat Platz für 70 Insassen. Die Eröffnung fandam 27. September 1879 statt, das Protectorat übernahm Ihre Majestätdie Kaiserin Friedrich. Die ärztliche Leitung hat Dr. Haupt Soden,ihm stehen Victoriaschwestern zur Seite.
Die Anstalt nimmt Genesende jeder Art auf. Krankheiten derAthmungsorgane und Oonstitutionskrankheiten stellen die meisten Pfleg-
Handbuch der Krankenversorgung u. Krankenpflege. I. Bd. ^.g