Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
703
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Sonderanstalten und Fürsorge für Genesende. 703

Mitwirkung unserer Stadtverwaltungen ausgeschlossen. Und doch mussjenezu den ernstesten Aufgaben der Hygiene gerechnet werden, beideren Lösung Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Leben von Tausendenund Abertausenden auf dem Spiele stehen".

Viele kleine und kleinste Mittel, welche man in Deutschland vieler-orts anwendet beziehungsweise mangels besserer Einrichtungen und desdazu nöthigen Capitals anwenden muss, sind vollkommen unzureichend,zur Herbeiführung nur der nothwendigsten Genesendenpflege.

In früheren Zeiten konnte man die Genesenden im Krankenhausebehalten, bis sie sich dort völlig erholt und gekräftigt hatten, heute wirdeine Nachcur dort unmöglich gemacht durch die allgemeine Ueberfüllungder Krankenhäuser. Um neu ankommenden schwerer Kranken Platz zumachen, müssen, von diesem Gesichtspunkte aus natürlich mit Recht,die Reconvalescenten weichen. Andererseits verlangen aber sehr vielevon diesen selbst ihre Entlassung, sobald sie nur irgend thunlich erscheint,da sie Brot verdienen und für ihre Familie sorgen müssen; der Kampfums Dasein lässt ihnen keine Ruhe mehr. Wie viele der so wiederSchaffenden erliegen ihm!

Aber ein verlängerter Aufenthalt im Krankenhause ist nicht ein-mal sehr empfehlenswert!], für das Krankenhaus nicht, denn die im Ge-fühl der Gesundung Uebermüthigen stören die Disciplin, die Ruhe derBettlägerigen, verleiten die Kranken zu leichtsinnigen Streichen, kurzsind ein Kreuz für Arzt und AVärter, für die Genesenden selbstnicht, denn bei der Häufung aller möglichen Infectionskrankheiten sindReconvalescenten als besonders Disponirte in steter Gefahr eine neueKrankheit sich zuzuziehen.

Was wartet ihrer aber nach der Entlassung, wobei ihnen noch derRath mit auf den Weg gegeben wurde, sich recht zu schonen und gutzu essen? Daheim findet der unbemittelte Genesende oft eine schlechteWohnung, ohne Licht, ohne genügende Wärme im Winter, ungenügendeErnährung, keine Pflege, sondern Noth, die ihn treibt Arbeit zu suchen,kurz keineswegs die zur nöthigen Kräftesammlung geeigneten Bedingungen.Nur' mit äusserster Anspannung der Energie vermag er seiner Arbeitoder seinen häuslichen A'erpflichtungen nachzukommen: Alsbald versagenGeist und Körper aufs Neue, die eben überstandene Krankheit wiederholtsich, oder der schwache Organismus fällt einer neuen oder chronischemSiechthum zum Opfer.

Alleinstehende Personen, unverheirathete Arbeiter, Dienstmädchenu. dgl. sind kaum weniger schlimm daran als Familienväter, da dasStellenfinden heutzutage nicht eben leicht ist. Zwar bekommen sie nocheinen Theil des Krankengeldes, aber v. Ziemssen sagt mit Recht überdiese Einrichtung:

Dass die Reconvalescenten in diesem Stadium, wo sie der ärzt-lichen Hilfe entrathen, sich frei bewegen und nach Arbeit umthun können,noch ein Anrecht auf die communale oder Vereinshilfe besitzen, ist durchdie reichsgesetzlichen Bestimmungen anerkannt, welche den noch arbeits-