Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
684
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684 Rosenfeld,

Die Lebensbedingungen sind für die Krüppel schwer: Der Krüppelund namentlich das verkrüppelte Kind bedarf, sei es, dass die Fähigkeitder Fortbewegung gehindert, oder dass die Freiheit der Arme beein-trächtigt ist, unausgesetzter Hilfeleistung und Unterstützung. Handeltes sich um krüppelhafte Kinder aus den niederen und unbemitteltenStänden, so sind die Familien kaum im Stande, die Unglücklichen zuernähren, geschweige denn ihnen die Unterstützung zu Theil werden zulassen, welche sie nöthig haben, sollen sie nicht vollständig verkümmern.Dann kommt die Schulzeit: nicht viele verkrüppelte Kinder werden inder Lage sein, den Unterricht in der Familie gemessen zu können. Inder Schule kann von einer Hilfeleistung durch die lebenslustigen gesundenKinder keine Rede sein, eher wird das Kind durch den Unverstand undden Spott seiner Mitschüler zu einer frühzeitigen Erbitterung gebracht.Noch mehr treten Schwierigkeiten in den Weg, wenn die Schulzeit be-endet ist, und das verkrüppelte Kind einen Beruf erlernen soll, um sichseinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es wird sich nur wenig Gelegen-heit dazu finden: Handwerker, Geschäfte und Fabriken können nur voll-kräftige Menschen mit gesunden Gliedern gebrauchen und an gesundenArbeitskräften fehlt es nicht.

Trotz der grossen Iiülfebedürftigkeit ist die Fürsorge für Krüppelselbst noch bis in die neueste Zeit hinein eine mangelhafte gewesen.Es erhielten wohl die Eltern oder die Krüppel selbst Unterstützungenvon Seite der staatlichen Armenpflege oder durch private Wohlthätigkeitdurch Zuweisung von Geld, Lebensmitteln und dergleichen, durch Be-schaffung künstlicher Gliedmaassen, aber doch nur im Rahmen der all-gemeinen Fürsorge für Arme. Es übernahmen wohl auch Aerzte undPolikliniken die Sorge für Besserung und Heilung der Leiden und Ge-brechen, aber auch nur im Bereich der allgemeinen Hilfe. Diese reichtjedoch den Krüppeln gegenüber nicht aus. Sie sind specieller Ein-richtungen ebenso bedürftig, wie die Gomüthskranken, Tauben, Epilep-tischen, Idioten und Blinden, welche seit langer Zeit eine allgemeine unddurchgreifende Fürsorge allenthalben gemessen.

Zuerst erkannt und gewürdigt wurde die Nothwendigkeit einer.be-sonderen Fürsorge für Krüppel um die Mitte unseres Jahrhunderts vongeistlichen Körperschaften. Sie nahmen zunächst den Gedanken derVersorgung der Krüppel auf, sie brachten die Unglücklichen in ge-schlossene Anstalten und gewährten den Unterhalt. Eine specielle Für-sorge in Rücksicht auf die Verkrüppelung fand aber in diesenersten Instituten nicht statt.

So nahm zuerst im Jahre 1845 in Frankreich die sehr mannich-faches Elend umfassende Liebesanstalt des Pfarrers Jean Bost in La-force (Dorlogne) Krüppel auf. Es folgte weiter in diesem Lande dieAnstalt der barmherzigen Schwestern des heiligen Vincenz in Paris mitRaum für 500 Mädchen im Jahre 1858; dazu kamen im Jahre 1858die barmherzigen Brüder des heiligen Johann von Gott mit einer An-stalt für 200 Knaben.