Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
685
Einzelbild herunterladen
 

Sonderlcrankenanstalten und Fürsorge für Krüppel. 685

Im Jahre 1864 wurde in der Schweiz in Zürich mit der neuenSt. Annakapelle" und in derselben von dem 1875 verstorbenen FräuleinMathilde Escher ein Asyl gegründet für 12 gebrechliche Mädchen inschulpflichtigem Alter, welche vollsinnig sind, aber körperlich schwäch-lich oder gebrechlich und nicht im Stande die Volksschule zu be-suchen. Ausgeschlossen sind von der noch bestehenden Anstalt blöd-sinnige, fallsüchtige oder der Spitalpflege bedürftige Kinder. Die Zahlder Pfleglinge ist in den 34 Jahren des Bestehens des Institutes imGanzen gleich geblieben, da Raum und Verhältnisse keine Erweiterunggestatten. Im Ganzen sind von 18741898 80 Pfleglinge aufgenommenworden. Die Anstalt wird unterhalten durch die Mathilde Escherstiftung,jedoch ist ein nach den Vermögensverhältnissen sich bemessender Bei-trag zu entrichten; für notorisch Arme beträgt dieses Kostgeld jährlich100 Fr. Die Anstalt reicht dem Kinde Wohnung, Kost, Bett und Klei-dung, sorgt für Unterricht, ärztliche und specialärztliche Hilfe und ge-währt den normal Begabten den Lehrplan der staatlichen Volksschule,sowie Anleitimg in weiblichen Handarbeiten, Küche und Haus. DieEntlassung findet mit der Confirmation statt, für eine weitere Fürsorgefehlt die Organisation.

Ausser dieser Anstalt besitzt die Schweiz noch zwei ähnlich ein-gerichtete,auf dem Bühl in Wädensweil" und in Regensberg(Canton Zürich). In einer vierten Anstalt, welche von dem Vereine derAssociation Maternelle unter der Präsidentschaft von Madame vonTavel in Muri bei Bern für vernachlässigte und körperlich zurück-gebliebene Mädchen geleitet wird, ist Verkrüppelung kein Hinderniss fürdie Aufnahme, jedoch nicht die Regel. Im Jahre 1881 bis 1883 warenunter 116 verpflegten Mädchen 17 Krüppel, zur Zeit sind keine Krüppeldort untergebracht.

Im Jahre 1872 begann eine edelgesinnte Dame, Frau Ebba vonRamsay, auf ihrer Besitzung Wilhelmsro bei Jönköping in Schweden,unglückliche Kinder aller Art, darunter auch viele A 7 erkrüppelte, beisich aufzunehmen, welche sie sich in ebenfalls von ihr gegründeten Sonn-tagsschulen aussucht. Sie hat nach ihrem eigenen Bericht in den letzten10 Jahren etwa 100 Kinder erzogen, 60 Mädchen und 40 Knaben. Siegiebt den Kindern Unterricht in den Elementarfächern der Volksschuleund inSloyd", d. h. Handfertigkeitsunterricht. Die verkrüppeltenMädchen klöppeln Spitzen, weben, sticken und nähen, die Knaben lernenein Handwerk oder wenn möglich Musik. Die ganze Einrichtung hateinen persönlichen Charakter, sie beschäftigt sich mit Unglücklichen allerArt, wird von Frau Ramsay geleitet und unterhalten und trägt denStempel einer allgemeinen Versorgungsanstalt, welche der Hochherzigkeiteiner Privatperson ihren Ursprung und ihre Existenz verdankt.

In Deutschland nimmt eine ähnliche Stellung ein die 1882 insLeben gerufene Gustav Werner-Stiftung zum Bruderhaus in Reut-lingen. Sie verfolgt den allgemeinen Zweck, verwahrloste oder derVerwahrlosung entgegengehende Kinder und junge Leute, sowie allein-