Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
676
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676 H. Gutzmann,

ohne Hörrohr vorgenommen und vornehmen lassen und behauptet, dasser selbst in Fällen, welche bei den ersten Versuchen sichscheinbar"als völlig taub erwiesen, durch die Ucbungen auffallende Erfolge erzielthabe. Er lässt täglich eine halbe Stunde üben uud empfiehlt, sich vonscheinbaren Misserfolgen nicht abschrecken zu lassen, da sich nur beigrösster Ausdauer und Geduld Erfolge erzielen lassen.

Nach meinen Erfahrungen an Patienten, die von Urbantschitschselbst behandelt wurden, kann ich nur vor den besonders durch die Be-richte in Tageszeitungen erweckten übertriebenen Hoffnungen warnen.

Ich kann das um so mehr thun, als derartige Hörversuche bis jetztbei allen mir bis jetzt näher bekannt gewordenen Einzelfällen niemalsdazu geführt haben, den Patienten soweit zu bringen, dass er im Standewar, das gewonnene Gehör im Umgang mit seinen Mitmenschen zu be-nutzen, wenigstens nicht bei wirklichen Taubstummen. Wenn man aberbedenkt, welche grosse Summe von Arbeitszeit und Mühe darauf ver-wendet werden muss, um schliesslich ein so mageres Resultat zu er-halten, so wird man doch wohl gut thun, von derartigen Hebungen Ab-stand zu nehmen. Selbst der Schwerhörige, der noch ganz gut imStande ist, die Unterhaltungen seiner Mitmenschon zu verstehen, hat dasGefühl, dass sein Gehör doch nicht ausreicht, und wir finden deswegensehr häufig, dass schwerhörige Patienten die Kunst, die Worte vomMunde abzulesen, zu erlernen suchen, um den Mangel, den sie empfinden,auszugleichen.

Ausführliche Prüfungen, die ich mit Hörversuchen nunmehr seiteiner Reihe von Jahren vorgenommen habe, haben das nur bestätigt,was offenbar schon Itard gefunden hatte, dass eine dauernde, erheb-liche und wirklich praktisch brauchbare Besserung bei Taubstummen mitHörübungen nicht zu erzielen ist. Es sollte Werth darauf gelegt werden,dass die Taubstummen das Absehen vom Munde möglichst so vollkommenerlernen, dass sie im Verkehr mit den sehenden Mitmenschen gar keineSchwierigkeiten mehr haben. Wenn, daher ein besonderer Unterrichts-gegenstand in die Erziehung der Taubstummen eingeführt werden sollte,so müsste man dafür plaidiren, dass ausser dem Absehunterricht, deran sich nothwendig mit der sprachlichen Entwicklung der Kinder ver-bunden ist, besonders auf einer späteren Stufe der Entwickelung, z. B.in der obersten Klasse, wo das Kind bereits einen grossen Sprachschatzerworben hat, ein systematischer Absehunterricht ertheilt wird. In aus-führlichen Darlegungen habe ich selbst bereits vor Jahren darauf hin-gewiesen, in welcher Weise ein derartiger Unterricht für die Taubstummenzweckdienlich ertheilt werden müsste.

Von ganz besonderer Wichtigkeit ist für die taubstummen Kinderdie physische Erziehung. Es ist bekannt, dass die taubstummen Kinderbesonders bei Eltern, deren sociale Lage keine besonders glückliche ist,bis zum Schulunterricht ausserordentlich vernachlässigt werden. Diekleinen taubstummen Kinder bleiben fast ausschliesslich an die engeScholle der Familienstube gebannt. Strasse, Feld und Wald bleiben