Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
674
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674 JT. Gutzmann,

um ihren Gehörsinn zu reizen, indem er im Lehrsaale eine grosse Thurm-glocke hatte aufhängen lassen, welche er ansehlug. Jeden Tag Hess erden Ton an Stärke abnehmen, theils indem er den Taubstummen weitervon der Glocke entfernte, theils indem er mit einem weicheren Körperdaran schlug. Sobald er bemerkte, dass die Kinder undeutlicher hörten,so Messer plötzlich lauter anschlagen, um die Organe wieder in Thätig-keit zu bringen, ging dann wieder zu den schwächeren Tönen über undkonnte so bemerken, dass die Kinder sie nun wieder ebenso deutlichempfanden als vorher. Später Hess er, um die Reizbarkeit des Organeszu erhalten, ein Uhrschlagewerk (timbre de pendule) langsam an demOhre der Taubstummen schwingen und entfernte sich allmählich vonihnen, ohne dem Tone, welchen er mit dem Instrumente hervorbrachte,mehr Stärke zu geben. Durch dieses Mittel vermehrte und erhielt erdie Empfänglichkeit, zu hören soweit, dass in der Entfernung von25 Schritten Töne gehört wurden, welche dasselbe Kind nicht weiterals zehn Schritte hören konnte, wenn er sich darauf beschränkte, esunmittelbar in diese Entfernung zu bringen. Da nun diese Experimentein einem langen Gange vorgenommen wurden und er Sorge getragenhatte, die Taubstummen in eine Linie zu stellen, so dass er, sich vonihnen in kleinen Schritten entfernend, auf einer der Mauern dieses Gangesdie verschiedenen Entfernungen bezeichnen konnte, in denen die einzelnenvon ihnen aufgehört hatten zu hören, so erhielt er dadurch einen genauenMaassstab für die Summe der erreichten Fortschritte. Er machte hierbeimehrmals die Bemerkung, dass, wenn der Taubstumme die für ihn höchsteStufe des Gehörs erlangt hatte, derselbe oft in 24 Stunden alles verlor,was er in der letzten Stunde sich erworben hatte, so dass er ihn amanderen Tage tauber fand, als am vorhergehenden. Dann war alle Mühe,ihn weiter zu bringen, umsonst, und das Gehör hatte durch diese Uebungalles erlangt, was es zu erreichen fähig war.

Gerade diese letztere Beobachtung stimmt mit den Resultaten vieleranderer Autoren überein. Nachdem Itard die Empfindlichkeit des Gehör-organs in dieser Weise vermehrt hatte, suchte er ihnen den Unterschiedzwischen Tönen, dann die Richtung der Töne, den Rhythmus u. s. w.beizubringen. Auch wandte er zwei verschiedene Formen von Hörrohrenan, eins für den Taubstummen selbst, eins für den zu ihm Sprechenden.Itard hatte über seine Methode, die er medico-physiologisch nannte,der Akademie eine Abhandlung eingereicht, und die von der Akademieernannte und mit der Prüfung beauftragte Commission erstattete durchHusson am 6. Mai 1828 einen sehr günstigen Bericht.

Schmalz fügte seinem Referate über Itard's Versuche folgendeslakonische Urtheil bei:Weil ich jedoch seit dieser Zeit, ohngeachtetmehrerer Anfragen, über die durch Itard angestellten Versuche nichtdas geringste mehr gehört habe, so ist es mir mehr als wahrscheinlich,dass dieselben nicht zum Ziele geführt haben, indem sie sonst gewissfortgesetzt worden wären".