Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
669
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Sonderkrankcnanstalten und Fürsorge für Taubstumme. 669

über Gegenstände seines Lebenskreises zu verstehen und sich namentlichselbst durch das Lesen weiter zu unterrichten.

Der gesammte Sprachunterricht zerfällt irr: 1. Artikulationsunter-richt, 2. Anschauungsunterricht, 3. Lesen und Sprache, 4. Freien Sprach-unterricht, 5. Sprachformenunterricht, 6. Aufsatzübungen.

1. Artikulationsunterricht.

Seine Einleitung findet der Artikulationsunterricht in allerlei Ordnungs-sowie systematischen Athemübungen. Da die Lunge des Taubstummenmeist unentwickelter als die Vollsinniger ist, so ist zur Erzielung einesreinen, natürlichen und kräftigen Tones auf die letzteren besonders Ge-wicht zu legen. Die Uebungen geschehen zunächst ohne, später mitTon. Der eigentliche Artikulationsunterricht hat zunächst die Aufgabe,klares Hervorbringen der einzelnen Laute uud der verschiedensten Laut-verbindungen zu erzielen. Indessen tritt er nicht gesondert auf, sondernsteht mit Absehen, Schreiben und Lesen in engster Verbindung, so dassdie Schüler nach neunmonatlichem Schulbesuche unter sonst normalenVerhältnissen nicht nur alle Laute und Lautverbindungen deutlich undgeläufig zu sprechen im Stande sind, sondern sie auch schreiben undlesen können.

Uebung der Grossbuchstaben sowie der Druckschrift gehen in denletzten drei Monaten nebenher.

Nach Verlauf eines neunmonatlichen Schulbesuches (Ferien einge-rechnet) hat der eigentliche Artikulationsunterricht seinen Abschluss ge-funden. Zur Sicherung der Deutlichkeit und Klarheit der Sprache werdenbis zum sechsten Schuljahre besondere Stunden für die Pflege des laut-richtigen betonten und geläufigen Sprechens und Lesens, sowie die A.b-sehfertigkeit anzusetzen sein und zwar für die letzten drei Monate derzweiten Hälfte des ersten Schuljahres und das zweite Schuljahr wöchent-lich vier, für das dritte bis fünfte je zwei Stunden und für das sechstenoch eine Stunde. Für die beiden letzten Schuljahre dürften 1520 Minutentäglich ausreichen.

Den Stoff zu solchen Uebungen liefern entweder die übrigen Unter-richtsstunden, oder es werden geeignete Sprichwörter, Denksprüche,Redensarten des gewöhnlichen Lebens und kleine Gedichte geübt. DieHauptsache dabei wird aber nie der Stoff selbst, sondern stets die ge-wandte und deutliche Aussprache desselben sein. Nach den Ferien istauf solche Uebungen besonderes Gewicht zu legen.

Ihre Rechtfertigung findet diese Praxis für die späteren Jahre darin,dass der Taubstumme seine Sprache nicht selbst zu controlliren imStande ist. In der Aussprache treten Trübungen, Unreinheiten, Ab-normitäten u. s. w. ein, die fort und fort zu corrigiren sind. Die Ge-fahr der Undeutlichkeit in der Sprache wird um so grösser, je mehr dieGeschwindigkeit im Sprechen zunimmt und der Sprachunterricht grössereBedeutung gewinnt. Es darf aber keineswegs die sorgfältige Pflege derLautsprache gegenüber einer einseitigen Förderung geistiger Bildung der