Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
662
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662 ' H. Gutzmann,

Verdienst Samuel Heinicke's. Wenn man in Kücksicht zieht, dassdieser einfache Dorfschullehrer den unerschrockenen Muth hatte, gegenden anerkannten und allgemein bewunderten Abbe de l'Epee aufzu-treten und es schliesslich mit eiserner Energie durchzusetzen verstand,seinen eigenen Ansichten Geltung zu verschaffen, so kann man, wieWalther in seiner Geschichte des Taubstummenbildungswesens mit Rechthervorhebt, zweifelhaft werden, welchem von dieson beiden Männerneigentlich die Palme gebührt, ob dem in angenehmen Verhältnissenlebenden, wissenschaftlich gründlich durchgebildeten, vornehmen Abbeoder dem armen, mit des Lebens Noth und Sorge kämpfenden Dorf-schullehrer, der Gleiches oder, wie wir jetzt wohl allgemein alle an-nehmen, Höheres geleistet hat. Es ist deshalb nur eine Ehrenpflicht,wenn wir den Lautsprachunterricht bei Taubstummen auch des Fernerenals die deutsche Unterrichtsmethode bezeichnen und sie in Gegensatz zuder französischen Unterrichtsmethode in der Geberde und dem künst-lichen Fingeralphabet, die vom Abbe de l'Epee herstammt, stellen. Eswar natürlich, dass sich zwischen diesen beiden Methoden sehr baldein Rangstreit entwickelte, in welcher Art dem Taubstummen am bestengedient sei, und der Streit darüber ist mit ausserordentlicher Erbitterungund Heftigkeit geführt worden. Die älteren Lehrer und Directoren vonTaubstummenanstalten waren zum Theil auch noch in DeutschlandSchüler des Abbe de l'Epee, und so kam es, dass die Verbreitung derdeutschen Unterrichtsmethode zunächst grossen Hindernissen begegnete,ja hierauf allein ist es wohl nur zurückznführen, dass in sehr vielenTaubstummenanstalten zunächst neben der Geberde auch die Lautsprachegelehrt wurde, so dass man sich der sogenannten gemischten Methodebediente. Dies wurde erst anders, als der bekannte Taubstummenlehrer-congress in Mailand stattfand.

Dort versammelten sich 158 Theilnehmer, und zwar, was rechtwichtig zu bemerken ist, darunter 83 Italiener und 56 Franzosen, währendvon Deutschen nur einer dort war, und dieser Congress fasste mit allenStimmen gegen eine den Beschluss, dass die deutsche Artikulations-methode für die allein richtige erklärt wurde. Der Beschluss wurde umso leichter gefasst, als die Mailänder Taubstummenanstalt, die schonlängst die Artikulationsmethode eingeführt hatte, den Congresstheilnehmernganz ausgezeichnete Leistungen darbot, und es ist nicht uninteressant,den Berieht über diese Leistungen von einem Franzosen, Franck, ge-schildert zu lesen.

Es giebt in Mailand zwei Knaben- und zwei Mädchenschulen, dieeinen vom Staate, die anderen aus privaten Beiträgen und Provinzial-Unterstützungen erhalten, beide mit musterhafter Freigebigkeit versorgt.

Ich lasse diejenigen von mir unmittelbar gemachten Wahrnehmungen,welche die beste Vorstellung von der Vollkommenheit geben können,bis zu welcher die Articulation und das Ablesen der Worte von denLippen in dieser Anstalt gelangt sind, hier folgen:

Vom Ende des dritten Jahres an ist der Zögling, welchen man