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1 (1899)
Entstehung
Seite
663
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Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Taubstumme. 663

nicht mehr taubstumm, sondern nur noch taubredend nennen kann, imStande, scharf zu artikuliren und kurze und vertrauliche Redewendungenin einfachen oder zusammengesetzten Sätzen von den Lippen zu lesen,die Befehle, welche man ihm mündlich ertheilt, auszuführen, und einenVorgang, welcher sich vor seinen Augen begeben hat, zu erzählen. Erkann sogar mit seinem Lehrerein kleines Gespräch, welches die Schrankeneines bestimmt begrenzten Wortschatzes nicht überschreitet, führen.

Nach den zwei folgenden Jahren hört man ihn über einen ihm be-zeichneten Gegenstand aus dem Kopfe mit lebhafter Stimme einen kurzenBericht erstatten oder eine wirkliche oder erfundene Geschichte, beiwelcher die sittliche Empfindung eine gewisse Rolle spielt, wiedergeben.Bisweilen geschieht dies mit Aenderungen, welche ebenso für sein Ver-ständniss wie für sein Gedächtniss zeugen. Die Zöglinge dieser Schulewerden geübt, laut zu lesen und Rechenschaft von der Bedeutung jedesWortes zu geben, welches sie ausgesprochen haben. Dies Beispiel solltein allen Volksschulen nachgeahmt werden.

Auf die kleinen Gespräche, welche sich nur auf die gewöhnlichenDinge beziehen, und auf das laute Lesen folgen in den Oberklassenwirkliche Unterhaltungen, zusammenhängende Vorträge, Beschreibungen,Erläuterungen, Hebungen im Briefstile. Ich habe mir eine grosse ZahlBriefe mitgebracht, zu welchen meine Reisegefährten oder ich das Themawörtlich gegeben hatten, und welche auf der Stelle unter unseren Augengeschrieben worden waren.

Es waren unter diesen Briefen mittelmässige, es waren aber darunterauch andere, welche Zöglinge der Oberklassen höherer Lehranstalten oderjunge Mädchen, welche unsere besten Pensionate besucht haben, mitStolz als die ihrigen zeichnen würden. Alle erschienen mir, wenn einFranzose ein solches Urtheil fällen darf, tadellos korrekt. Am Endeder Prüfungen, welchen wir beigewohnt haben, führte man die früherenZöglinge der betreffenden Anstalt ein: Erwachsene beiderlei Geschlechts,Arbeiter, Arbeiterinnen, Oomptoiristen, Landleute, Familienväter undMütter. Lebhafte, laute, fast möchte ich sagen lärmende Unterhaltungenknüpften sie untereinander und mit den Umstehenden an, welche daraufeingehen wollten. Man fragte sie über ihr Gewerbe, über ihre Lage,ihre Erlebnisse, ihre Zukunftspläne und viele andere Dinge. Sie ant-worteten auf alles, gewiss im Tone der Taubstummen, aber mit festerund klarer Aussprache, mit einer Fülle und Mannigfaltigkeit der Aus-drücke, die den Fortschritt, welchen sie im Verkehr mit den natürlichRedenden gemacht hatten, erkennen Hess. Einige sprachen den Dialektihrer Provinz, das Patois ihres Dorfes, welches man sie in der Anstaltgewiss nicht gelehrt hatte."

Die allgemeine unterrichtliche Behandlung der Taubstummen, ihreAusbildung zu Menschen, die mit ihren vollsinnigen Mitmenschen ohneSchwierigkeiten zu verkehren im Stande waren, nahm nur ganz all-mählich Fortgang. Im Jahre 1825 berichtete Beckedorf, dass für diedamals ermittelten 1700 taubstummen Kinder im bildungsfähigen Alter

Handbuch der Krankenversorgung und Krankenpflege. I. Bd. 43