Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Augenkranke. 655
In Deutschland ging Sachsen mit der Gründung der Augenheilanstaltin Leipzig unter Ritterich's Leitung voran.
A. von Gräfe errichtete sich eine grosse Privatklinik in Berlin.Wir waren damals noch nicht so weit, dass der Staat ihm eine Stättefür sein Wirkungsfeld überlassen konnte. Seinen Bemühungen undseinem Ruf aber ist es zu danken, dass bald an allen UniversitätenProfessuren für Augenheilkunde errichtet und Augenheilanstalten insLeben gerufen wurden.
Göttingen erhielt zuerst eine den Anforderungen der damaligen Zeitentsprechende Anstalt und in kurzen Zwischenräumen folgten die übrigenUniversitäten. Alles was zum Wohl der Kranken und zur Förderungder Wissenschaft erdacht werden kann, findet sich vereint in den in denletzten Jahren hergestellten Neubauten der Augenkliniken zu Erlangen,Kiel, Breslau, Rostock u. s. w.
Fast gleichzeitig mit dem Staat hatten auch andere Verbände, denenes obliegt, für ihre Mitglieder zu sorgen, und auch die Augenärzte ingrossen Industriebezirken und verkehrsreichen Centren mit dem Bau vonAugenkliniken begonnen. Vornehmlich waren es die Provinzen und dieKnappschaften, welche ihre Fürsorge entfalteten. Einzelne dieser Pro-vinzialaugenheilanstalten haben sich durch die wissenschaftliche undpraktische Thätigkeit ihrer Leiter einen grossen Ruf verschafft. DieUnterhaltung dieser Anstalten geschieht entweder in der Weise, dassdie Provinz und die Commune für ihre Pfleglinge direct bezahlenoder in der Art, dass dem Leiter ein Pauschquantum pro Jahr zuge-billigt ist, für das er so und so viel Verpflegungstage zu gewähren ge-halten wird.
Während es nun verhältnissmässig leicht ist, in einem staatlichenGebäude bei Vorhandensein von vielen Freibetten und hohen Fonds fürdie Zwecke der Wissenschaft zu schaffen und zu wirken, haben diePrivataugenärzte meist hier einen schweren Stand insofern, als für allesihr eigener Geldbeutel Aushilfe schaffen muss. Dennoch aber verfügenwir in Deutschland über eine grössere Anzahl von Privatkliniken, indenen geforscht und geheilt wird.
Berlin übrigens steht in Bezug auf das Capitel der Augenkliniknicht oben an. Die staatlichen Anstalten sind zu klein und haben, daman seiner Zeit auf das riesige Wachsen der Patientenzahlen nichtrechnen konnte, eine grosse Anzahl von Mängeln, die alten Privataugen-heilanstalten entsprechen nicht den modernen hygienischen Anforderungen,für die Einrichtung von neuen Kliniken aber stellen sich der ungeheureGrundstüokswerth und die strengen polizeilichen Vorschriften hindernd inden Weg. Es wäre ein grosses Verdienst, für die Stadt Berlin, wofürsie den Dank, von ungezählten Tausenden jener Unglücklichen erntenwürde, wenn sie bei der Einrichtung ihrer grossartigen Hospitalbautenz. B. des neuen Krankenhauses in der Seestrasse auch die Gründung einerAbtheilung für Augenkranke in Erwägung ziehen wollte.
Da die Augenkranken meistens körperlich so gesund sind, dass sie