Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Blinde. 653
das an Steglitz sich anschliessende Männerheim, das gegen geringesEntgelt Aufnahme gewährt. Den individuellen Verhältnissen wird da-selbst in ausgezeichneter AVeise Rechnung getragen. Ein mir bekannterKaufmann erlernte dort die Handhabung der Schreibmaschine und bildeteim Allgemeinen sich soweit aus, dass er jetzt einen gut gehendenCigarrenhandel in Amerika betreibt.
Sind die Leute älter, so ist es mit dem Lernen vorbei. Die Er-werbsquellen bilden die Armen Unterstützung, ferner, wenn der BetreffendeGlück hat, die Kasse eines der vielen Blindenvereine, unter Umständendie Invaliditäts- und Altersversicherung und schliesslich die Bettelei mitund ohne Musik, zu der die Anständigeren erst in der höchsten Nothihre Zuflucht nehmen. Dass die Polizei die Erlaubnissscheine zumMusiciren ausstellt, möchten wir, die wir das Elend dieser Leute tag-täglich vor Augen haben, so lange für gut befinden, bis andere Ein-nahmequellen einst erschlossen sein werden. Unangebracht aber ist esbei den jungen Blinden, die eine Schule durchgemacht haben, das Bettelnzu sanetioniren. Sie können etwas durch ihre Handarbeit verdienen undvon der Mutteranstalt Unterstützung erlangen, wollen es aber nicht, daihnen das Vagabundiren und Betteln lieber ist. Hier ist also Mitleidweniger am Platze, als bei solchen, die nicht ausgebildet worden sind,und solchen, die erst im späteren Leben erblindeten. Durch Unter-bringung in die Versorgungsanstalten, die Blindenasyle, durch besondereArbeitsabtheilungen für Späterblindete, vor allem aber durch die privateAVohlthätigkoit, mag sie in Vereinen organisirt sein oder nicht, kannund muss diesen Unglücklichen geholfen werden.
Die Anstalten werden in Bezug auf die Ausbildung und die Unter-stützung der früh und spät Erblindeten am besten ihre Aufgabe erfüllenkönnen, wenn der laufende Etat vollständig vom Staate gedeckt wird,und wenn sie nebenbei in den Besitz grösserer Fonds gelangen. Frei-willige Beiträge von Privatpersonen, Staatsbehörden und Kirchengemeindenund vor allem A r ermächtnisse, das sind die Quellen, aus denen einbefruchtender Bach entstehen kann. Der thatkräftigen Initiative derVereine, wie z. B. des Vereins zur Beförderung der wirthschaftlichenSelbständigkeit der Blinden (es handelt sich um Zöglinge, die aus derAnstalt entlassen sind) ist damit ein Hinderniss nicht in den AVeg gelegt.Wir wollen nicht unterlassen, zu erwähnen, dass im Ganzen durch diewirksame Unterstützung von Seiten der Regierungen und der Landtage,durch die vielen vortrefflich durchgearbeiteten Anstaltsberichte, durchFachzeitschriften, durch die rastlose Arbeit vieler hervorragender Blinden-lehrer, vor allem aber durch die seit dem Jahre 1873 im 3 jährigenTurnus abgehaltenen Blindencongresse die Sache der Blinden schnellund in unerwartetem Maasse gefördert worden ist. Der nächste Congressfindet 1898 in Steglitz statt.
Zum Schlüsse sei es mir gestattet, aus unseren Mittheilungen einigeErgebnisse zusammenzustellen. Wir glauben uns, wie folgt, präcisirenzu dürfen: