618 C. Schmid-Monnard,
Für das Haltekindersystem kann das Leipziger als Vorbild dienen,für das Säuglingsasyl das Gräbsehen-Breslauer Kinderheim, für dasSäuglingshospital die Vorschläge von Heubner und Baginsky. Allediese Einrichtungen müssten räumlich einander nahe liegen und mög-lichst in ihrer Verwaltung in einander resp. im Anschluss an die bisherthätigen Behörden arbeiten.
Das Leipziger Haltekindersystem ist im wesentlichen gefördertvon Dr. med. Taube. Es erstrebt folgendes: Ein Ziehkinderamt hatvormundschaftliche Berechtigung über jedes uneheliche Kind. Jedessolche Kind mnss dem Ziehkinderamt angemeldet werden. Das Amtvermittelt Ziehgeld (15 Mark), Kleidung und freie ärztliche Behandlung;es sucht das Geld (in 2 /s aller Fälle mit Erfolg) von den Eltern, be-sonders den Vätern, einzutreiben. Die Stadt ist in Ziehkinderbezirkeeingetheilt, deren acut Kranke von den besonders honorirten Armen-ärzten behandelt werden. Die Ziehmütter haben Concession auf Wider-ruf und werden durch bezahlte Pflegerinnen controllirt. Ueber demGanzen steht der Ziehkinderarzt, dem ab und zu sämmtliche Kinder zurControlle vorgestellt werden.
Das kaiserliche Kinderheim Gräbschen-Breslau nimmt sub-sistenzlose Mütter mit ihren Säuglingen auf für die ersten 3—6 Wochennach der Entbindung, Die Anstalt steht in Verbindung mit der Gebär-anstalt. Es werden nur gesunde Mütter und nicht schwerkranke Kinderaufgenommen. Das Kind wird durch die eigene Mutter besorgt. DasHaus besteht aus einer Villa im Garten mit 2 Stockwerken. ImParterre sind die Schlafzimmer mit je 4 Betten für die Mütter und 4für die Kinder, Bade-, Spiel-, Speisezimmer und Reservesaal für Besuchs-empfang. Im Souterrain Küche, Waschküche, Bad für Mütter, Portier,Speisekammer. In der ersten Etage Vorsteherin, Isolirraum, Krankensaal.
Für Säuglingsspitäler gilt, wie es bereits in Stockholm einge-führt ist, als Grundsatz Armenverpflegung.
Ferner Eintheilung in kleine Zimmer, einmal zur Vermeidung derAbkühlung, dann zur Absonderung infectiöser. Fälle, auch der Darm-catarrhe. Da, wo künstliche Ernährung noch durchgeführt wird (Charite,Kaiser und Kaiserin Friedrich-Krankenhaus), ist ein zahlreiches, gut-geschultes Personal wünschenswerth. Für 8 Säuglinge fordert Heubner5 Pflegerinnen, keinesfalls unter 3. Der verschiedene Nahrwerth derverschiedenen künstlichen Nahrungsmittel tritt zurück in solchen Anstaltengegen die unerlässliche Reinlichkeit der Darreichung. Eine Verunreinigungmit Excrementen durch die Finger der Wärterinnen, durch Saugpfropfen,mangelnde Sauberkeit der Wäsche lassen sich nur durch reichliches, gut-geschultes Personal vermeiden. Bei dem grossen Wäscheverbrauch dürfenauch die Waschküche und Trockenräume nicht viel kleiner genommenwerden als für den Bedarf eines allgemeinen Krankenhauses.