Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Kinder. 607
Kopf und Tag. Jedenfalls leistet ein solches Asyl mehr für 1- und 2-monatliche Säuglinge als unbeaufsichtigte Kostfrauen.
Asyle, in denen auch entbunden wird, sind etwas häufiger,aber doch selten genug. So besitzt Berlin nur 2 Entbindungsanstaltenfür -Ledigschwangere mit zusammen 75 Stellen; davon fordert aber dieeine 35 Mark Entgelt. Es sind dies die „Heimstätte" für erstmalsgefallene Mädchen und deren Kinder, sowie das erste Berliner „Ver-.sorgungshaus, „Beth Elina". Daneben besteht in AVeissensee einAufnahmehaus für ca. 50 Entbundene und ihre Kinder. DenselbenZwecken dienen in Bonn das Versorgungshaus von Frl. Lungstrass,in dem 1889/90 139 Mädchen und 100 Kinder verpflegt wurden. InFreiburg i. Br. Fr. Dr. Meyer's Versorgungshaus, in Hamburg-Eppendorf der 1887 gegründete Luisenhof. In letzterem werden dieKinder auch nach Entlassung der Mutter im 6. Monat weiter behaltenbis zum Alter von 2Vo Jahren. In 10 Jahren verpflegte der Luisenhof300 Mütter und 240 Kinder. Der durchschnittliche Bestand sind40 Kinder und 28 Erwachsene. Die Kosten der Verpflegung betragen50 Pfg. pro Kopf und Tag. Auch hier macht sich der theilweise Mangelder Brustnahrung geltend. So befanden sich die von aussen gekommenenFlaschenkinder meist im elendesten Zustande und starben fast alle. Inder Zeit 1887—97 hatten die 103 Brustkinder 9 = 8,6 pCt. Sterb-lichkeit, die 68 Flaschenkinder einschliesslich der im Hause geborenen52 = 76,4 pCt. Sterblichkeit. Was übrigens auch hier verständniss-volle Pflege leisten kann, zeigt der Unterschied in der Mortalität seitdem Eintritt der jetzigen Vorsteherin Frl. Einstmann (1892), indemdie Sterblichkeit seitdem von 66,6 pCt. auf 35,4 pCt sank. Es.ist be-merkenswerth und für Ziebkinderverhältnisse charakteristisch, dass unterden 25 pCt. Gestorbenen der zehnte Theil luetisch war.
Von deutschen Anstalten, in denen Säuglinge ohne ihreMütter verpflegt werden, ist mir nur die Säuglingsabtheil'ungdes kathol. St. Elisabeth-Krankenhauses in Halle a. S. näherbekannt. Die Kinder sind im 3. Stockwerk des Hauses untergebracht,auf je 4 Kinder kommt eine Wärterin. Die Anstalt besteht seit 3 Jahrenund hat 75 pCt. ihrer einjährigen Pfleglinge durch den Tod verloren. Auchhier handelt es sich um ein meist klägliches Material von Kindern; derplötzliche Uebergang von Brustnahrung zu künstlicher Ernährung machtsich darum doppelt schädlich geltend. Vielleicht werden in Zukunft dieErgebnisse weniger ungünstige mit Einführung der geplanten eigenenMüchwirthschaft und andrer Aufenthaltsräume.
So ist es andern Krippen auch gegangen, der Breslauer Krippe 1881,dem 1867 gegründeten Berliner Säuglingsasyl und der WiesbadenerSäuglingskrippe. In lezterer starben 1881 63 pCt. gegenüber 21 pOt.der in der Stadt befindlichen Pflegesäuglinge.
Es lehrt die Erfahrung, dass das Zusammenbringen mehrerer undbesonders künstlich genährter Säuglinge, selbst solcher, die ursprünglichgesund waren, in demselben Eaume von einer eminenten Sterblichkeit