Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Frauen. 599
darüber hingehen. Gehemmt von Widerständen aller Art wird es nurmühsam und schrittweise errungen werden können. Doch es wirderrungen werden dank der unerschöpflichen, all unsere so-cialen Verhältnisse durchdringenden Kraft, die aus der Wahr-heit und aus der Liebe fliesst. —
7. Gynäkologische Fürsorge.
Ich habe bisher den Entwicklungsgang der Fürsorge für Frauen ge-schildert, soweit Geburtshilfe und Wöchnerinnenpflege in Frage kommen.Um ein vollständiges Bild zu geben, bedarf es noch einiger ergänzenderBemerkungen über die Entwicklung der Gynäkologie, jener Schwester-wissenschaft der Geburtshilfe, die in den letzten Jahrzehnten sich ausunscheinbaren Anlangen an den geburtshilflichen Lehranstalten zu einer.Höhe und Bedeutung aufgeschwungen hat, dass es zeitweilig fast denAnschein gewinnen konnte, als solle durch sie die Pflege der Geburts-hilfe an den ursprünglich der letzteren allein gewidmeten Lehrinstitutenganz in den Schatten gestellt werden. Wohl hatten die vielfachen mitdem Geschlechtsleben des Weibes in näherer oder fernerer Beziehungstehenden Leiden schon in alten Zeiten die Aufmerksamkeit der Aerzteauf sich gezogen und eine primitive gynäkologische Wissenschaft undTherapie gezeitigt, — doch erst den letzten 50 Jahren unseres Jahr-hunderts war es vorbehalten, auf Grund des gewaltigen Aufschwungs,den die gesammte Medicin auf naturwissenschaftlicher Basis nahm, inein tieferes Verständniss auch der Frauenkrankheiten einzudringen.(Interessante Beiträge hierzu s. „Monatsschrift für Geburtshilfe undGynäkologie Band V, Ergänzungsheft 1897. — Zur Geschichte der gynä-kologischen Localbehandlung von Dr. Richard Landau.") Und ganzselbstverständlich war es, dass sich die noch in den Kinderschuhensteckende Gynäkologie auf das engste an die schon höher entwickeltegeburtshilfliche Wissenschaft anlehnte und zunächst an den geburtshilf-lichen Universitätskliniken einen bescheidenen Unterschlupf suchte. Lehrtedoch die Erfahrung nur zu oft, dass sich „Frauenkrankheiten" aller Artdirect an das Wochenbett anschlössen. Eine erste gynäkologische Ab-theilung ward im Jahre 1842 in der geburtshilflichen Universitätsklinikin Prag unter Franz Kiwisch eingerichtet, und hierdurch ward derAnstoss zu gleichem Vorgehen an allen Universitäts-EntbindungsanstaltenDeutschlands während der nächsten zwei bis drei Jahrzehnte gegeben.Es waren sehr bescheidene Räume, mit denen sich die Gynäkologiedamaliger Zeit begnügte, durchaus entsprechend der geringen Leistungs-fähigkeit, der sie sich in therapeutischer Beziehung rühmen konnte. Aberdie so an den Lehranstalten herbeigeführte innige Verbindung der Gynä-kologie und Geburtshilfe wirkte auf die Entwicklung beider so nahe ver-wandter Wissenschaften ungemein befruchtend ein. Das Verständnissfür die physiologischen und pathologischen Zustände des Weibes inSchwangerschaft, Geburt und Wochenbett sowie im nicht schwangeren'
Handbuch der Krankenversorgung u. Krankenpflege. I. Bd. qq