5 92 Brennecke,
Fall der Erkrankung einer Wöchnerin die „Familienpflegerin" durch eine„geschulte Wochenpflegerin" zu ersetzen ist, so würde damit in derThat die Wochenbettshygiene im häuslichen Betrieb der Geburtshilfe aufein Niveau gehoben sein, wie man es vollkommener kaum wünschenkann.
Dass diese Bestrebungen sich auf das engste mit den schon ent-wickelten Zielen der AVöchnerinnen-Asyle berühren, leuchtet ohne weiteresein. Oder sollten gar beide einander ausschliessen und sich als Gegen-sätze befehden müssen? Sollte es heissen müssen, „hie Anstaltspflege,
— hie Hauspflege!"? Wer unbefangen ist und nur von dem einenWunsche beseelt, die vielfachen Mängel und grossen Missstände unsererheutigen Geburtshilfe und Wochenbettspflege zu beseitigen, der wird als-bald zu der Ueberzeugung gelangen müssen, dass nicht von einem Ge-geneinander, sondern nur von einem Mit- und Füreinander der beidenBestrebungen die Rede sein kann. Die Wöchnerinnen-Asyle brennennicht darauf, in die wohlgeordneten Verhältnisse eines behaglichen Haus-standes irgendwie störend eingreifen zu wollen. Mag aber immerhindurch eine organisirte Hauspflege im Sinne des Frankfurter Vereins einegrosse Zahl von Frauen die Möglichkeit gewinnen, selbst unter ärm-lichen Verhältnissen in einer den Forderungen der Hygiene entsprechen-den Weise Geburt und Wochenbett im Schoosse der Familie abzuwarten,
— so wird doch immer und allerorten eine wahrlich nicht zu unter-schätzende Schaar von Frauen übrig bleiben, die wegen gefahrdrohenderStörungen des Geburtsverlaufs, wegen der Trostlosigkeit ihrer Wohnungs-verhältnisse, aus hygienischen und ethischen Gründen aller Art der Hülfeund des Schutzes eines Wöchnerinnen-Asyls nicht werden entrathenkönnen. Sie alle mit den ausserehelich Geschwängerten auf die Hülfeder zur Zeit vorhandenen geburtshilflichen Lebranstalten zu verweisen,ist zwar bequem, entspricht aber durchaus nicht den berechtigten Em-pfindungen der deutschen Frauenwelt. Auch darüber kann doch keinZweifel bestehen, dass die Hauspflege immer nur einseitig den Schädi-gungen entgegenzutreten vermag, die aus vernachlässigter Wochen-pflege entsprangen, dass die Anstaltspflege aber den Kampf aufder ganzen Linie aufnimmt, dass sie nicht nur fürs Wochenbett sondernauch für die Geburt günstige Verhältnisse zu schaffen bestrebt ist, dasssie hinweghilft auch über die weit grösseren Gefahren, welche bei derUnverlässlichkeit unseres Hebammenwesens und bei den durch die häus-lichen Verhältnisse bedingten Schwierigkeiten aller Art gerade die Frauender ärmeren Volksschichten in den Stunden der Geburt in reichem Maasseumlauern. Wenn nun jüngst auf dem Kieler Congress des D. V. f. A. u. W.der Referent, Medicinalrath Häuser, unter Anerkennung des Wöchne-rinnen-Asyls als „eines unserer Zeit und ihren Bedürfnissen entsprechen-den Institutes für Städte und für die Industriecentren mit zahlreicherArbeiterbevölkerung" dennoch den Gedanken einer Verallgemeinerungder Asyle als aussichtslos, ja — bei der eigentümlichen Beleuchtung,die er ihm zu geben wusste — fast als utopistisch glaubte hinstellen zu