Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
588
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588 Brennecke,

Wöchnerinnenheim schliesslich doch den grossen Plan die Reformdes Hebammenwesens oder richtiger die Reform der gesammen Geburts-und Wochbett-Hygiene durchzuführen die Kraft hatte!

Einstweilen aber werden die Wöchnerinnenasyle sich mit dem der-zeitigen Hebammenstande abzufinden haben, so gut oder so schlecht eseben geht. Als Institute, die .auch dem Hebammenstandehelfend und fördernd zu Gute kommen wollen, sollten siealles vermeiden, was den zur Zeit nun einmal auf Erwerb vonFall zu Fall angewiesenen Hebammen den mindesten Anlasszur Klage über schädigende Concurrenz bieten könnte. Ichhalte es für bedauerlich und für unrecht, dass die Mehrzahlder jetzigen Wöchnerinnenasyle sich principiell den Heb-ammen verschliesst. Die Anstalten gehen dadurch der Möglichkeitverlustig, bessernd und fortbildend auf den Hebammenstand einzuwirken,sie verlieren mithin direct an Werth für die Geburts- uud Wochenbett-Hygiene. Einen zureichenden Grund zu jenem von mir beklagten Ver-halten der meisten Asyle vermag ich weder in der bis heute abiebnen-den Haltung der Hebammen, noch auch in der Furcht vor erhöhterInfectionsgefahr für die Anstaltspfleglingo anzuerkennen. Nur AachenDortmund und Magdeburg machen eine Ausnahme und halten an demGrundsatze fest, dass es jeder Hebamme der Stadt freistehen soll, mitibrer bedürftigen Klientel in das Asyl zu flüchten, um hier unter Ueber-wachung der Oberin gegen ein angemessenes Honorar die Entbindungselbst zu leiten. Freilich hat auch diese, wie man meinen sollte, fürverständnissvolle Hebammen geradezu lockende Einrichtung es noch nichtvermocht, die tiefe, durch Agitation 1 ) geschürte Abneigung der Hebammengegen das Asyl zu überwinden. Nur vereinzelte haben den Werth einersolchen Hilfe erfasst und sind zu freudigen Mitarbeiterinnen an den Auf-

1 ) Sehr bezeichnend schreibt die als Agitatorin in weiteren Kreisen bekannteBerliner Hebamme, Frau Olga Gebauer, unter dem 15. Juli 1898 in derAll-gemeinen Deutschen Hebammen-Zeitung:Es ist selbstverständlich, dass wir Alledanach trachten, dass die sämmtlichen Hebammen Magdeburg's Mitglieder desNeuenMagdeburger Hebanimenvereins" werden." (Letzterer wurde vor 23 Jahren in'sLeben gerufen in der Absicht, den alten seit 10 Jahren in Anlehnung an das 'Wöch-nerinnen-Asyl bestehenden Hebammen-Verein zu sprengen, und erfreut sich der Unter-stützung und Leitung der Magdeburger Hebammenlehranstalt.)Wir sehen in denLeitern dieses Vereins Schutz für das durch das dortige 'Wöchnerinnen-Asyl bedrohteErwerbsleben der Hebammen. Denn das Asyl träumt bereits von der nicht mehr fernenZukunft, wo 20 pCt. aller Kreissenden in Wöchnerinnenheimen entbunden werden.Wir aber haben keine Lust an der Ausrottung unseres Standes mitzuarbeiten, sondernnur an der allseitigen Verbesserung desselben, damit es nicht nöthig wird, dassdeutsche Mütter vor unzulänglich ausgebildeten Hebammen in die Wöchnerinnenheimeflüchten müssen." So wird unter Entstellung der wahren Sachlage in den Hebammen-kreisen gegen das Wöchnerinnen-Asyl Stimmung gemacht. Und bedauerlich ist es,dass solche Wühlereien anscheinend noch immer Rückhalt und Unterstützung an ge-burtshilflichen Lehranstalten finden können. Wann endlich wird ein gesunder socialerSinn die. engherzige Sonderinteressen-Politik zum Schweigen bringen?!