Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Frauen. 587
Berliner Hebammenschaft gleichbedeutend sein. Andererseits gönntenalle Berliner Hebammen den zahlreichen völlig verarmten Müttern diesorgsame Behandlung und Verpflegung im Wöchnerinnenheim. HerrProfessor Martin erklärte sich mit dieser Begründung einverstandenund bemerkte nochmals, dass es dem Verein „Wöchnerinnenheim" gänz-lich fernliege, irgend einen Berufsstand zu schädigen. Damit ist derFrieden hergestellt, und die Vereinsmitglieder werden die noth-leidenden Mütter dem Heim zusenden, solange die gegebenenVersprechungen vom Verein „Wöchnerinnenheim" gehaltenwerden". — Der Schlusssatz im Verein mit den in anderen Städtengemachten Erfahrungen lässt erkennen, was von dem „Frieden" zuhalten ist. Der Berliner Hebammenstand maasst sich an, der öffent-lichen Wohlfahrt Schranken zu ziehen, die Grenzen der Bedürftigkeit,bis zu welchen den Frauen der Eintritt in das Wöchnerinnenheim ge-stattet sein soll, bestimmen zu wollen, — er kündigt Krieg demAVochnerinnenheiin an, sobald diese von ihm vorgeschriebenen Grenzennicht eingehalten werden sollten! Der Berliner Hebammenstand stelltsomit rücksichtslos das eigene Wohl über das Gemeinwohl. Denn dassviele jener neidisch von den Hebammen noch für sich in Anspruchgenommenen zahlenden ärmeren Frauen unendlich viel besser unter demSchutz des Wöchnerinnenheims, als daheim unter der Pflege einer Heb-amme aufgehoben wären, wird selbst der Berliner Hebammenverein nichtleugnen können. Die unheilvollen Consequenzen der freien Concurrenzim Hebammengewerbe treten hier in krasser Beleuchtung zu Tage!
Hart stossen die vermeintlich gefährdeten Sonderinteressen desHebammenstandes und die Interessen der öffentlichen Gesundheitspflegeim Wöchnerinnenasyl auf einander. Wie wird der Kampf enden? Wieund wo ist ein Ausgleich zu finden? Da die Wöchnerinnenasyle mitNaturnothwendigkeit aus dem Bedürfniss erwachsene sociale Wohlfahrts-anstalten sind, so unterliegt es keinem Zweifel, dass sie sich trotz allerAnfeindung der Hebammen und mancher Aerzte stetig und unaufhalt-sam weiter entwickeln werden. Immer entschiedener wird es sich zeigen,dass nicht die Wöchnerinnenheime, sondern das sich im Concurrenz-getriebe aufreibende und depravirende Hebammenwesen vom Uebel sind,und je mehr sich in den Städten Wöchnerinnenasyle erheben, um sodringender und um so selbstverständlicher erhebt sich mit ihnen dieForderung nach einer Reform eben dieses die Wirksamkeit der Asylelähmenden und die Hygiene schädigenden Hebammenwesens, — nacheiner Reform, die einen Geburtshelferinnenstand schafft, der fähig undwillig ist, an den Aufgaben der öffentlichen Gesundheitspflege mitzu-wirken, der neidlos und ohne Furcht vor Concurrenz zu den Wöchnerinnen-heimen als zu segensreichen, auch ihn selbst fördernden Instituten auf-zublicken vermag. Die Zeit wird kommen, da die Wöchnerinnenasyle,als Centren der Geburts- und Wocbenbettshygiene erfasst, auch mitdem beutigen Hebammenwesen werden abzurechnen haben. Dann wirdes sich zeigen, dass das ursprünglich so kleine und unansehnliche