Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Frauen. 583
gaben, es sollte dazu beitragen, die christliche Charitas zu wecken, undauf die Bahnen der öffentlichen Gesundheitspflege zu lenken. Innerhalbseines jeweiligen Wirkungskreises sollte es somit ein Centrum der Ge-burts- und Wochenbettshygiene werden, an dessen Bestand und Ge-deihen Aerzte, Hebammen, Wochenpflegerinnen, Frauenvereine undcommunale Armenverwaltung gleichermaassen interessirt sind, ■— vondem aus all diesen zu einem hygienischen Organismus zusammen-geschlossenen Factoren das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit be-ständig wach und lebendig erhalten werden sollte.
Ein solches Programm passte auf die heutigen Verhältnisse, — dadas Princip des freien Wettbewerbs der Kräfte auch auf dem Gebieteder Geburtshilfe sich breit macht und zum Schaden der Hygiene zueinem zügellosen Ooncurrenzkampfe geführt hat — freilich wie die Faustauf's Auge. Kein Wunder daher, wenn die ersten Darlegungen desselben(Hebammen oder Diaconissen für Geburtshife" — 1884 und „BauetWöchnerinnen-Asyle". 1884) in ärztlichen Kreisen kein sonderlichesEntgegenkommen und Verständniss, bei den Hebammen aber offeneFeindschaft fanden.. Auch Dr. Hucklenbroich musste 1881 bei seinemBemühen, in Düsseldorf ein Wöchnerinnenasyl zu errichten, die gleichebetrübende Erfahrung machen. „Die Absicht Brennecke's ist in ersterLinie die Reform des Hebammenwesens, und aus dem grossen Planeist schliesslich eine kleine Entbindungsanstalt geworden, die, entgegendem bisherigen Brauch, nur die Frauen der arbeitenden Klasse währendder Wochenbettzeit aufnehmen, also aus dem Kreise ihrer Angehörigenentfernen will". Mit diesen für den Kern der Sache völlig verständniss-losen Worten begrüsste noch im Jahre 1888 die Berliner KlinischeWochenschrift das damals glücklich zum Leben geborene MagdeburgerWöchnerinnenasyl (Referat von J. Veit, Berl. Klin. Wochenschr. L888.No. 32, pag. 651). Nun wohl! Parturiunt montes et nascitur r'idicu-lus mus! Berge von Vorurtheilen, Missverständnissen, Engherzigkeit, Theil-nahmlosigkeit und Uebelwollen galt es aller Orten zu überwinden, umdem Wöchnerinnenasyl und mit ihm einer Neugestaltung der geburts-hilflichen Verhältnisse unseres Volkes freie Bahn zu schaffen. Und wennauch die ersten Wöchneriunenasylc unter den kümmerlichsten Verhält-nissen als „ridiculus mus" ins Dasein traten, so bezeichnen sie doch denAnbruch einer neuen Epoche in der Geburts- und Wochenbett-Hygieneund sind für die Entwickelung der letzteren nicht minder bedeutungs-voll, als es die ersten in ihrer äusseren Erscheinung ebenso unschein-baren geburtshilflichen Universitätskliniken um die Mitte des vorigenJahrhunderts für die Entwickelung der geburtshilflichen WissenschaftDeutschlands waren.
Zunächst waren es und sind es Frauenvereine, die den Gedankender Wöchnerinnenasyle mit Eifer erfassten und ihn mit opferwilliger Hin-gabe hie und da zur Ausführung brachten. Eine wesentliche Förderungaber brachte den Wöchnerinnenasylen das sie befürwortende Eingreifender Aerztekammer der Provinz Sachsen im Jahre 1888 und die sich
Handbuch der Krankenversorgung und Krankenpflege. I. Bd. ßg