Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
580
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580 Brennecke,

geordneten Verhältnissen lebende Minderheit der Bevölkerung genanntwerden könne, dass aber die grosse Masse der ärmeren und ärmstenVolksschichten in der härtesten Weise dabei Noth leide und Schaden anLeben und Gesundheit erfahre. Die traurigen Wohnungs- und Erwerbs-Verhältnisse breiter Massen unseres Volkes bringen es mit sich, dassvon einem ordnungsmässigen, den gereiften Forderungen der Wissenschaftentsprechenden Betrieb der Geburtshilfe und Wochenpllege in zahllosenPrivatwohnungen nicht ohne weiteres die Rede sein kann. Armuth undSchmutz in den oft übervölkerten, nicht selten von Krankheit aller Artheimgesuchten Wohnungen sprechen von den ethischen Unerträglich-keiten ganz zu geschweigen aller Antiseptik Hohn und lassen einenohnehin unreifen Hebammenstand im Kampfe mit solchen Schwierig-keiten nur zu leicht erlahmen. Und wie bei der Entbindung, so wirdnicht minder im Wochenbett gegen die einfachsten Forderungen derHygiene massenhaft gefrevelt. Man lässt es eben gehen, wie es gehenwill. Unzählige Wöchnerinnen werden durch die Noth der häuslichenVerhältnisse, vielfach auch durch den eigenen Unverstand, schon wenigeTage nach der Entbindung aus dem Bett an die Arbeit getrieben undsetzen damit ihren so dringend der Schonung und Fliege bedürftigenKörper, gezwungen oder freiwillig, Schädigungen aus, die in einer Füllevon nachfolgenden Leiden, in Siechthum und vorzeitigem Altern ihrenAusdruck finden. Und das geburtshilfliche Personal, das die Gefahrensolchen Unfugs wohl zu beurthcilen weiss, steht ohnmächtig und nur zuoft gleichgültig dabei.

Grell traten all diese Missstände der Frauenpflege im Lichte derAntiseptik zu Tage und angesichts der vortrefflichen nunmehr in dengeburtshilflichen Lehranstalten erzielten Resultate musste sich der Ge-danke fast von selbst aufdrängen, den klar auf der Hand liegendenNotbständen der grossen Masse armer Weiber abzuhelfen durch Grün-dung öffentlicher Entbindungsanstalten nicht zu Lehrzwecken,sondern rein im Dienste der öffentlichen Wohlfahrtspflege.Unabhängig von einander wurden Dr. Hucklenbroich in Düsseldorf1881 und ich selbst im Jahre 1883 von diesem Gedanken erfasst, undmit dem RufeBauet Wöchnerinnenasyle!" wurde im Jahre 1884 eineBewegung zu Gunsten dieses Gedankens wachgerufen, die von Jahr zuJahr weitere Kreise ergriff und berufen erscheint, einen allmäligen gründ-lichen Wandel unserer geburts- und wochenbettshygienischen Verhält-nisse herbeizuführen. Das Machtgebot der Hygiene drängt die Geburts-hilfe, die bisher mit all ihren Leiden und Freuden dem Kreis derFamilie angehörte und die bislang nur zur Lehrzwecken auch in An-stalten gepflegt wurde, immer entschiedener, wenn auch unter weisermit Rücksicht auf das Familienleben gebotener Beschränkung, zur An-erkennung der Vorzüge einer geordneten Anstaltspflege, es drängtdie Geburtshilfe in ihrer socialen Ausgestaltung auf Baiinen, die denenvöllig analog sind, welche die Chirurgie und innere Modicin in der Er-richtung öffentlicher Krankenhäuser schon seit langen Jahrzehnten mit