Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Frauen. 579
erkennen lässt. Es ist bedauernswerth, dass die „Vereinigung deutscherHebammen" noch nicht zu der Einsicht durchgedrungen ist, dass dieHebung des Hebammenstandes nicht durch Förderung des Wissens undAufbesserung der pecuniären Lage der Hebammen allein erreicht werdenkann, — dass eine wirkliche und echte Hebung des Standes vielmehrnur dadurch erreicht werden wird, dass die Hebammen, dem niederenDunstkreis rein materieller und engherzig-egoistischer Interessen allmähligentwachsend, sich immer entschiedener als Mitarbeiterinnen an denidealen Aufgaben der öffentlichen Gesundheitspflege fühlen und dieselbenin ihrem bescheidenen Wirkungskreise nach Kräften zu fördern lernen.Der Mangel an ausgereiften Persönlichkeiten macht sich ebenauch hier wieder fühlbar.
4. Wöchneriiuieiiasyle.
Wie aus der bisherigen Darstellung ersichtlich, kannte die Geburts-und Wochenbetts-Hygiene bis in die jüngste Zeit keine weitere Aufgabeals für Heranbildung eines genügend geschulten geburtshilflichen Personalsin ausreichender Menge Sorge zu tragen. Wir sehen, wie man im Laufeunseres Jahrhunderts dieser Aufgabe in wachsendem Maasse sowohlquantitativ gerecht wurde, als (trotz aller gerügten Mängel) auch quali-tativ gerecht zu werden suchte. Im Gegensatz zu den im Anfang desJahrhunderts herrschenden Verhältnissen ist man heute sogar berechtigt,von einem Uebermaass zur Verfügung stehender geburtshilflich ge-schulter Kräfte zu reden. Da es bisher als selbstverständlich galt, dassGeburt und Wochenbett als physiologische Vorkommnisse sich im Schoosseder Familie, in der Privathäuslichkeit, abwickelten, so glaubte man mitdem reichen Angebot von Hebammen und Aerzten in der Frauenpflegegenug gethan zu haben. Den ausserehelich Geschwängerten und einerMinderzahl von Ehefrauen, denen es zur Abwartung der Geburt und desWochenbettes an einer geeigneten Häuslichkeit fehlte oder die einer be-sonders schwierigen operativen Entbindung entgegengingen, öffneten jadie zu Unterrichtszwecken errichteten Entbindungsanstalten, hier und daauch mit den städtischen Krankenhäusern verbundene Gebärabtheilungen,jeder Zeit gern ihre Pforten. Es kam hinzu, dass seit Anfang des Jahr-hunderts sich in den meisten Städten Deutschlands Frauenvereine ge-.bildet hatten, die in christlich-charitativem, nicht in bewusst-hygienischemSinne sich der Unterstützung armer verheiratheter Wöchnerinnen an-nahmen. Arme Frauen wurden und werden von diesen Vereinen indankenswerther Weise mit Kinderzeug, mit Wochensuppen, gelegentlichauch mit einiger Leib- und Bettwäsche und Feuerungsmaterialien be-dacht. So schien Jahrzehnte lang alles aufs Beste geordnet.
Und doch, wer mit wissenschaftlich geschärftem Blick und mitwarmem Herzen fürs Volk die geburtshilflichen Verhältnisse unsererZeit näher ansah, der musste zu der Ueberzeugung gelangen, dass diebisherige Organisation ausreichend nur für die in guten und wohl-