578 Brennecke,
Welt zeigen zu können, wie tüchtig und leistungsfähig sie in Wirklich-keit seien, — so gingen sie hochgemuth an eine mit vielem Eifer be-triebene Agitation, gründeten eine eigene Hebammen-Zeitung und er-reichten es, dass bis heute sich etwa der vierte Theil aller deutschenHebammen in ca. 160 Vereinen zusammengeschlossen hat. So dankens-werth es ist, dass damit eine weitere Handhabe gewonnen ist, umseitens des ärztlichen Standes fortbildend auf die Hebammen einwirkenzu können, so hat sich doch bis jetzt die den Hebammenvereinen inreichem Maasse zugewendete Mühe und Arbeit der Aerzte als nahezunutzlos erwiesen. Klein ist die Zahl der Hebammen, die dem Vereins-leben eine merkliche Förderung und Vertiefung ihres Wissens verdankt, —bei der überwiegenden Mehrzahl prallt alles Bemühen nach meiner nun10jährigen Erfahrung an dem Panzer der Verständnisslosigkeit ab. Sielassen sich in nichts belehren und liefern durch ihre Antworten auf ge-legentlich prüfende Fragen sowie durch ihr Verhalten in der Praxisimmer wieder die unglaublichsten Beweise absoluter Unfähigkeit. Trotz-alledem ist dem Hebammenvereinsleben ein gewisser Werth nicht ab-zusprechen. Es hat dazu beigetragen, dem intelligenteren und besserenTheile des Hebammenstandes allmählig die Augen darüber zu öffnen,wie berechtigt die seitens der Aerzte über das Hebammenwesen gefällteKritik war und ist. Aus Gegnern einer radicalen Reform des Hebammen-wesens, als welche sie seiner Zeit ins Feld rückten, sind sie unmerklichund ohne es selbst zu ahnen zu Förderern derselben geworden, — undes ist nur mit. Freuden zu begrüssen, wenn seit einigen Jahren aus demLager der „Vereinigung deutscher Hebammen" Forderungen laut werden,wie die nach schärferer ärztlicher Ueberwachung in der Berufsthätigkeit,nach der Rückkehr zum Princip fest angestellter Bezirkshebammen, nachgarantirtem auskömmlichen Minimaleinkommen, nach höherer Gesammt-biidung und gründlicherer Ausbildung der zuzulassenden Hebammen-schülerinnen etc., — alles Forderungen, die die Kernschäden des bis-herigen Hebammenwesens treffen und deren Erfüllung dazu angethansein würde, den heutigen in freier und zügelloser Ooncurrenz arbeitendenHebammenstand umzuwandeln in einen berufsgenossenschaftlich ge-gliederten geburtshilflichen „Schwesternstand". So erfreulich diese halb-unbewusste Mitarbeit der „Vereinigung deutscher Hebammen" an derHerbeiführung jenes immer klarer hervortretenden Endzieles der ganzengeburtshilflichen Reformbewegung unserer Zeit auch ist, so bleibt dabeidoch bedauernswerth, dass als Leitmotiv für diese ihre Mitarbeit sichbis heute ganz wesentlich die materiellen und egoistischen Standes-interessen fühlbar machen, dass die „Vereinigung deutscher Hebammen"es noch nicht gelernt hat, sich und ihre Mitglieder rückhaltlos in denDienst der öffentlichen Gesundheitspflege zu stellen, dass sie trotz ihrerschönen Devise „zum Wohle deutscher Frauen" bei allen auf dem Ge-biete der Frauenpflege auftretenden Erscheinungen sich hemmend in denWeg zu stellen geneigt ist, sobald sich nur von Ferne die Möglichkeiteiner Schädigung der peeuniären Interessen des Hebammenstandes dabei