Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
577
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Sonderta'ankenanstalten und Fürsorge für Frauen. 577

Alle bisher zur Aufbesserung des Hebammenwesens be-liebten Maassnahmen sind Flickarbeit! Das kann nicht lautund nicht eindringlich genug immer wieder in die Welt hinaus-gerufen werden! Die Bedeutung und Verantwortlichkeit des Heb-ammenberufs ist weit über das Maass dessen hinausgewachsen, was diegeistige Capacität der Mehrzahl der bisherigen Hebammen zu fassen undzu tragen vermag. Man muthet Kindern die Arbeit Erwachsener zu undmeint, unter Nichtachtung der Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts,immer wieder eine gute Arbeit erwarten zu dürfen, wenn man nur fleissigbei den Kindern steht, sie belehrt, sie treibt, bedroht und straft! Voll-wichtige und ganze Persönlichkeiten sind es, an denen der Heb-ammenstand zu allen Zeiten Mangel litt, die ihm noch heute im hohenMaasse mangeln, die ihm unter allen Umständen zugeführt werdenmüssen, wenn anders es je gelingen soll, die Geburtshilfe und Frauen-pflege auf eine ihrer Bedeutung würdige Höhe zu heben. Dieser Gedankewar es, dem ich im Jahre 1883 Ausdruck zu geben suchte mit dem vielbespöttelten, oft missverstandenen und als Utopie belächelten AVorteHebammen oder Diaconissen für Geburtshilfe!" Wie er zu realisiren,wird am Schluss meiner Arbeit dargestellt werden. Einstweilen ist esmit Freuden zu begrüssen, dass der im April 1894 von Prof. Zimmerin Herborn begründete Evangel. Diaconie-Verein sich mit Eifer und vor-trefflichem Erfolge an die Bekämpfung des alteingewurzelten Vorurtheüsgebildeter Frauen und Mädchen gegen Geburtshilfe und AA r ochenpflegeherangewagt hat. (Näheres s. in der Schrift:Der Evangelische Diaconie-A r erein etc. Seine Aufgaben und seine Arbeit. A T on D. FriedrichZimmer, Prof. der Theologie." Herborn 1895). Schon darf dies Vor-urtheil Dank dem entschiedenen Eingreifen des Diaconie-\ r ereins alsüberwunden bezeichnet werden. Aus allen gebildeten Ständen strömenseit 3 Jahren weibliche Kräfte in Menge dem neu eröffneten Berufsfeldezu. Die anfängliche Scheu hat sich in das lebhafteste Interesse ver-wandelt, und kaum noch kann es einem Zweifel unterliegen, dass beigesetzlich verlangter höherer Bildung der Hebammenschülerinnen sichallezeit ein genügendes Angebot geeigneter Kräfte finden würde, vor-ausgesetzt, dass man den Geburtshelferinnen auch eine würdigere Lebens-stellung einzuräumen beliebte.

Eben jener in die Frauen- und Hebammenwelt hineingeworfene Ge-danke der Diaconie für Geburtshilfe aber war es auch, der nicht un-wesentlich dazu beitrug, die Hebammen Deutschlands aus ihrer bisherigenLethargie zu erwecken und sie zu einer rührigen Arbeit an ihrer Selbst-besserung zu bewegen. Die Berliner Hebammen rafften sich im Jahre1885 zur Gründung eines Vereins auf, um in geschlossener Einheit demseit Jahren über das Hebammenwesen hinbrausenden Sturm ärztlicherKritik besser Stand halten zu können. Von der optimistischen Auf-fassung beseelt, dass es den Hebammen Deutschlands nur an einemstraffen organischen Zusammenschluss fehle, um die harte über das Heb-ammenwesen gefällte ärztliche Kritik widerlegen und der staunenden