Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
574
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574 . Brennecke,

mit 51015 und mehr Procent Mortalität, aus den Mörderhöhlen,als welche sie Semnielweis dereinst nicht mit Unrecht brandmarkte,sind die öffentlichen Entbindungsanstalten zu den segensreichsten Institutender Frauenpflege geworden mit einer verschwindenden Mortalität anKindbettfieber in Höhe von nur 0,150,05 und weniger Procent.

Angesichts solch überraschenden Umschwungs in den Sterblichkeits-verhältnissen der Gebäranstalten, musste sich schon zu Ende der 70 erJahre der Blick fragend und prüfend auf den häuslichen Betrieb derGeburtshilfe in Stadt und Land lenken. Jeder Arzt, der damals vonden Semmelweis'schen Lehren erfüllt inmitten des geburtshilflichenTreibens stand, musste mit Schrecken gewahr werden, welche Unsummevon Ignoranz, Gleichgültigkeit und Fahrlässigkeit sich zum Unheil der'Frauen bei dem geburtshilflichen Personal noch breit machte, welcheRiesenarbeit es zu bewältigen gab, um die Geburtshilfe und Frauenpflege<len Anforderungen der Antiseptik gemäss neu zu gestalten. Die sorg-fältigen statistischen Ermittelungen Boehr's über die Sterblichkeit imKindbett im Königreich Preussen in den Jahren 18161875 eröffnetenim Jahre 1878 einen Einblick in die Grösse der durch das Kindbett-fieber herbeigeführten Verluste an blühenden Menschenleben und dadurchverursachter Schädigung des Nationalwohlstandes, wie man es nicht vonferne geahnt hatte. Dem Kindbettfieber waren in diesen 60 Jahren363 624 Frauen erlegen, es hatte mehr Frauen dahingerafft, als inderselben Zeit Personen weiblichen Geschlechts jeden Alters den Pockenund der Cholera zusammengenommen erlegen waren. Wie war diesenVerlusten in Zukunft Einhalt zu gebieten? Es verstand sich von selbst,dass es galt, das gesammte geburtshilfliche Personal, Aerzte wie Heb-ammen, zur Antiseptik zu erziehen. Auch unter den Aerzten, nament-lich den älteren derselben, gab es damals noch viele, die unter Gering-schätzung und Nichtachtung der Semmelweis'schen Lehren auf denUniversitäten gross- geworden, auch jetzt noch wenig geneigt waren, derAntiseptik die ihr gebührende Bedeutung in der Geburtshilfe beizumessen.Doch ihnen standen zur Aufklärung und Fortbildung die wissenschaft-lichen Zeitschriften zur Verfügung. Die Zeit musste den AVandel herbei-führen. Wie langsam er sich vollzog beweist der Umstand, dass nochim Jahre 1881 die Vertretung der deutschen Aerzteschaft auf demAerztetage in Cassel die an sie herantretende Forderung der obligatorischenAntiseptik mit der Motivirung abweisen konnte, dass eine Einigung überdie zu fordernden antiseptischen Maassnahmen noch nicht erreicht, auchdie Aerzte selbst von dem Werth und der Nothwendigkeit der Antiseptiknoch nicht genügend durchdrungen seien.

Weit schwieriger stand die Frage dem Hebammenwesen gegenüber.Etwa 95 pCt. aller Entbindungen wurden und werden von den Heb-ammen allein geleitet. Wie sollte und konnte eine Erziehung der ca.40,000 deutschen Hebammen zur Antiseptik in die Wege geleitetwerden? Durfte man angesichts der reichlich 10,000 Opfer, die dasKindbettfieber alljährlich unter den Wöchnerinnen Deutschlands heischte,