Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
563
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Sonderkranlsenanstalten und Fürsorge für Frauen. 563

So gab Bernhard, Herzog zu Sachsen, Jülich, Clevc und Berg, Land-graf zu Thüringen seinen Landen um's Jahr 1682 eine Hcbammcnordnung,und im Kurfürstenthum Brandenburg datircn die ältesten das Medicirial-und auch des Hebammcnwcsen ordnenden Ediete vom 12. November 1685und vom 30. August 1693.

Im Allgemeinen wurde in all diesen Verordnungen der Unterrichtder Hebammen und die Beaufsichtigung derselben denjenigen Land- undStadtärzten, welche sich besonders mit der Ausübung der operativenGeburtshilfe abgaben, von den Behörden übertragen. Da aber die Zahlder zum Unterricht befähigten Aerzte durchaus keine grosse war, da esan eigenen Hebammenlehranstalten und somit den Aerzten an Gelegen-heit fehlte, die Schülerinnen auch in der Behandlung der gewöhnlichenFälle zu unterrichten, so erhielt sich der längst bestehende Gebrauch,dass ältere in ihrer Kunst erfahrene Frauen jüngeren angehenden Heb-ammen die nöthige Unterweisung gaben, noch lange neben dem ärzt-lichen Unterrichte fort. Die auf das Hebammenwesen sich beziehendenVerordnungen aus jener Zeit reden daher vongeschickten Lehrfrauen",welche den angehenden Hebammen die nöthige Unterweisung zu geben hatten,ehe dieselben von den collegiis medicis examinirt und, wenn sie hinreichendqualificirt gefunden, beeidigt werden sollten. (Siehe v. Siebolcl 1. c.)

Gewiss wurde mit solcher Neuordnung zunächst herzlich wenig ge-bessert. Die von aller praktischen Erfahrung losgelöste rein doctrinärcgeburtshilfliche Wissenschaft der damaligen Aerzte machte sich in Aber-glauben und Unsinn aller Art kaum weniger breit, als die rohe Empiriejenergeschickten Lehrfrauen": Trotz alledem aber muss es als einewerthvolle Errungenschaft des 16. und 17. Jahrhunderts und als grund-legendes Ereigniss in der Geschichte der Frauenpflege bezeichnet werden,dass es dem ärztlichen Stande damaliger Zeit gelang, bestimmenden Ein-fluss auf die Ausbildung der Hebammen und damit die Führung in derGeburtshilfe zu erringen. Denn schon begann es in ärztlichen Kreisenzu tagen. Die Nacht der Unwissenheit und des Aberglaubens fing anzu weichen unter dem aufklärenden Einflüsse der Italicnischen Schule,welche im 16. Jahrhundert die Anatomie gewaltig gefördert hatte. Ge-läuterte Kenntnisse über das weibliche Becken ' und die Beckenorganegriffen allmählich unter den deutschen Aerzten Platz und konnten durchihre Vermittelung nun auch den Hebammen zu Gute kommen. Der tiefst-greifende und ein wahrhaft befruchtender Einfluss auf Deutschlands Ge-burtshilfe und Frauenpflege aber ging von Frankreich aus.

Die im 17. Jahrhundert am Französischen Hofe herrschende Sitten-losigkeit hatte freiere Anschauungen und laxere Sitten im ganzen Volkegezeitigt und hatte neben vielem Uebel doch auch ein Gutes zu Wegegebracht: schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts fanden diefranzösischen Aerzte nicht nur bei Hofe, sondern auch in weiten Kreisender Bürgerschaft freien Zutritt zum Gebärbett. Damit war FrankreichsAerzten die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Bearbeitung der Geburts-hilfe eröffnet, und Dank diesem Vorzug eilte die französische Geburts-