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1 (1899)
Entstehung
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561
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Sonderlcrankenanstalten und Fürsorge für Frauen. 561

schaftlichen Entwicklung der Geburtshilfe. Der Hebammenstand, der,wie noch heute, so erst recht in jenen alten Zeiten sich vorwiegend ansden niederen und niedersten Volksschichten rekrutirte, war begreiflicher-weise unfähig, die Geburtshilfe als Wissenschaft auch nur im mindestenzu fördern. Zu solcher Fcähigkeit fehlte ihm jede Grundlage. DieHeb-ammenkunst" des Mittelalters fusste auf der rohesten Empirie. Voneiner zielbewussten und gleichmässigen Ausbildung der Hebammen warnicht die Rede, oder doch nur insoweit als ältereerfahrene" Hebammendie. jüngeren angehenden anlernten und so dafür Sorge trugen, dass nebendem wenigen brauchbaren Wissen eine Unsumme von Aberglauben undAfterweisheit von Generation zu Generation forterbte. Auf die Hilfesolcher Personen angewiesen, duldeten es die Frauen und mit ihnen dieHebammen nur in den äussersten Nothfällen nach meist tagelanger ver-geblicher Geburtsarbeit, dass männliche Hilfe von nicht minder frag-würdigem Werthe hinzugezogen wurde. In so verschleppten Geburts- fällen konnte es sich fast immer nur um rohe zerstückelnde Operationenhandeln, bei denen nicht selten auch die Kreissende das Leben cinbüsstc,und nur rohe Chirurgen und Bader waren es, die sich zu solch hand-werksmässigem Betriebe der Geburtshilfe hergaben. Der ärztliche Standhielt sich fern. Er erachtete die Geburtshilfe als einen Theil derChirurgie und damit unter seiner Würde stehend. Auch an den Univer-sitäten wurde die Geburtshilfe bis tief in das 18. Jahrhundert hinein alsein untergeordnetes Anhängsel, der Anatomie und Chirurgie behandelt.Von einer wissenschaftlichen Förderung derselben konnte auch hierkeine Rede sein, da es den Universitätslehrern wie allen damaligenAcrztcn an geburtshilflicher Erfahrung durchaus gebrach. (Die ganzehier gegebene Schilderung der geburtshilflichen Verhältnisse des Mittel-alters lehnt sich eng anv. Siebold's Geschichte der Geburtshilfe" an.Berlin 1835. Enslin.)

In diese tiefe Nacht geburtshilflicher Unwissenheit und Rohhcritleuchtete das schon oben erwähnte erste deutsche Hebammenbuch desWormser Arztes Eucharius Rocsslin im Jahre 1513 als das Morgen-roth einer besseren Zeit geradezu erlösend hinein. Einem wie tief ge-fühlten Bedürfnisse das Buch entsprach, beweist am besten die grossoZahl der Auflagen, die es bis in das 17. Jahrhundert hinein nicht nurin deutscher Sprache, sondern auch in lateinischer, französischer, hol-ländischer und englischer Uebersetzung erlebte. Die Bedeutung desRoesslin'schen Werkes liegt nicht gerade in seinem wissenschaft-lichen AVerthe. Auch Roesslin vermochte ja nicht aus eigener geburts-hilflicher Erfahrung zu schöpfen. Sein Werk bildet nur eine Zu-sammenstellung der geburtshilflichen Lehren der altclassischen Meister,des Hippocrates, Galenus, Aviccnna, Albertus Magnus,Aetius, Gordon und Savonarola, es bietet mithin nur einenücberblick über den Zustand der Geburtshilfe, wie er sich in da-maliger Zeit gestaltet hatte. Nicht also auf wissenschaftlicher Seite,sondern wesentlich auf dem Gebiete der socialen Entwicklung der Ge-