Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Frauen. 559
1. Geschichtliche Entwickelung der Frauenpflege.
Religion und Wissenschaft sind zu allen Zeiten die Brennpunktemenschlicher Lebensentfaltung, die Grundpfeiler aller Culturcntwickelunggewesen. Auch die Fürsorge für Frauen baut auf ihnen auf und wirdbis heute von ihnen getragen. Es würde ein Irrthum und ein Unrechtsein, wollte man, wie es in unserer wissenschaftsfrohen und wissen-schaftsstolzcn Zeit so gern geschieht, das religiöse Moment in der Ent-wickelung und Belebung der Frauenpflege als ein untergeordnetes be-trachten und nicht achten. Christliche Nächstenliebe war es, die in dendunklen Zeiten des Mittelalters und bis in das 18. Jahrhundert hineinauch ohne die Leuchte der Wissenschaft, dank einer gewissen intuitivenErkenntniss dessen, was den Frauen zur Erhaltung ihres körperlichenund geistigen Wohles Noth thut, gar manches auf dem Gebiete derFrauenpflege geschaffen hat, das die später erwachende Wissenschaftnur als berechtigt gutheissen und weiter hegen und pflegen konnte. DieKirche war es, die in jenen dunklen Zeiten mit mancherlei Satzungenals weise Beschützerin der Frauen auch auf hygieinischom Gebiete her-vortrat. Christliche Nächstenliebe war es, die die deutsche FürstinKatharina, geborene Prinzessin von Sachsen, Herzogin von Braunschweigund Lüneburg, zu Anfang des 16. Jahrhunderts trieb, den Wormser ArztEucharius Roesslin zur Abfassung eines ersten deutschen Hebammen-lehrbuchs unter dem Titel „Der schwangeren Frauen und HebammenRosegarten" zu veranlassen und die damit den Anstoss gab zu einergeordneten Entwickelung des bis dahin völlig verwahrlosten Hebammen-wesens. Christliche Nächstenliebe war es und ist es, die zu allen Zeitensich in der Unterstützung hilfsbedürftiger Kranker und armer Wöchne-rinnen zu bethätigen suchte, die in unserem Jahrhundert zur Bildung,zahlreicher Frauenvoreine trieb, die, recht verstanden, der ganzen socialenFrage unserer Zeit zu Grunde liegt. Der, Gott sei dank, in unseremVolke noch nie erstorbene, aus tief religiösem Empfinden erwachseneSinn für Nächstenliebe und Wohlthätigkeit ist der ureigentliche Grundund Mutterboden aller, so auch unserer auf die Fürsorge für Frauen ge-richteten Wohlfahrtscinrichtuugen und Bestrebungen. Richtung und Zielderselben aber wird durch die fortschreitende wissenschaftliche Einsichtbestimmt. Eine gesunde Fortentwickelung socialer Wohlfahrtseinrichtungenhat immer nur dann stattfinden können, wenn sich christliche Charitasmit wissenschaftlicher Einsicht paarte, wenn die Fundamente des er-strebten socialen Neubaus auf den beiden Grundpfeilern menschlichenFortschritts —, Religion und Wissenschaft, — ruhten.
Es ist nicht uninteressant zu sehen, wie die Kirche und christlicheCharitas im Mittelalter und in der reformatorischen Zeit sich mannigfachbemühte, den Frauen in den Stunden der Geburt und im WochenbettTrost, Fürsorge und Hilfe zu bringen. Wenn auch die Fürsorge bei derGeburt Jahrhunderte lang nur in speeifisch kirchlichem Trost bestehenkonnte (bei schweren Entbindungen ward der Pfarrer gerufen und reichte