Sonderlu'ankenanstalten und Fürsorge für Trinker. 545
der sonntägliche Gottesdienst, das freie Zusammenleben in einem vonchristlichem Geist durchwehten Gemeinschaftswesen, — alles wirkt heil-sam und erziehlich auf die durch die Noth in dem Kampf ums Daseinoft gedrückten Gemüther und auf die durch die Sünde verödeten Seelen,welche in ihrer Kinderzeit so jämmerlich erzogen sind und von derLiebe der Eltern selten etwas verspürt haben".
Die Anstalt Himmelsthür wirkt insofern auch besonders segensreich,als sie die gefährdeten Töchter trinkender Eltern aufnimmt. Man er-richtet jetzt ein besonderes Haus zur Aufnahme von Trinkerinnen ausvornehmen Ständen ganz nahe der Anstalt.
Man geht ferner mit der Absicht um, Trinkerheilstätten zu errichtenin Arendsee a. d. Ostsee, in Mühlhausen i. Th., in der Provinz Hannover,— hier soll ein Heim für bemittelte Trinker entstehen im Anschluss andas Stephansstift in Hannover und eins für Unbemittelte in der Arbeit er-colonie Kästorf bei Gifhorn. — Ueberhaupt nehmen verschiedene Ar-beitercolonien Deutschlands Trinker auf, sofern sie nur noch arbeitsfähigsind oder wenigstens nach Verlauf weniger Wochen sich erholt haben,um genügend Arbeit zu leisten.
Von katholischer Seite geht man neuerdings damit um, katho-lische Trinkerheilstätten zu errichten. Weibliche Trinker finden bereitsin katholischen Schwesterhäusern Unterkunft.
Bevor wir dem eigentlichen Betriebe einer Trinkerheilstätte näher-treten, welcher ja dem Heilungszwecke angepasst sein muss, fragen wiruns, welch specieller Behandlung denn der Trunksüchtige bedarf. Die-selbe ist im Allgemeinen nicht schwierig, wohl aber ist sie um so erfolg-reicher, je mehr sie auf den Zustand und die A r erhältnisse des einzelnenIndividuums zugeschnitten ist.
Vor allem und in allen Fällen bleibt die Vorbedingung für jedenHeilerfolg die vollkommene, ausnahmslose Entziehung alkoholischerGetränke. „Die Durchführung dieser Maassregel, schreibt schon derältere Nasse, erfordert gewöhnlich eine Isolirung des Trinkers für dieersten-Tage oder Wochen, je nach dem Grade des Ergriffenseins derkörperlichen Gesundheit, und hier ist es, wo die ärztliche Hilfe in derUeberwachung der bisweilen eintretenden Zufälle, der Aufsuchung undBehandlung der etwaigen körperlichen Ursachen und Krankheitsprocesse,in der Regelung der Diät u. s. w. wesentlich einzutreten hat. Ist diesePeriode glücklich überwunden, so gilt es einmal, die Stärkung der dar-niederliegenden körperlichen Gesundheit durch die ■ geeigneten Mittel,andererseits die allmähliche Stärkung der geschwächten Willenskraftdurch sittliche und religiöse Einwirkung. Eine strenge Hausordnung undAnhalten zur Arbeit sollen Hand in Hand gehen mit der freundlichernsten Behandlung, die es vor. allem an liebevoller Aufmunterung undgeistiger Anregung nach den verschiedensten Seiten hin nicht fehlenlassen darf. Nur der consequent fortgesetzten Einwirkung sind Erfolgezu verdanken, und es wird besonders betont, dass es für solche ausser-