Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Trinker. 525
frühes Dahinsiechen daheim oder im Krankenhause oder auch der Auf-enthalt im Irren- oder Zuchthause den Schlussakt dieses chronischenSelbstmordes.
Machen sich bei dem Bier- und Weintrinker in erster Linie dieverschiedensten Störungen seitens der Functionen körperlicher Organebemerkbar, wie wir sie in Verdauungsbeschwerden mannigfachster Artund Circulationsstörungen und Beeinträchtigung des Stoffwechsels vorallem kennen, so überwiegen bei dem Schnapstrinker viel eher diegeistigen Störungen. Eins aber ist den Alkoholikern insgesammt ge-meinsam: sie erleiden mehr oder weniger einen Ausfall an Energie undIntelligenz, sie verlieren mehr und mehr die Freiheit des eigenenWillens, die Selbstbeherrschung, und sinken dadurch von Stufezu Stufe tiefer, sich selbst wie den Mitmenschen früher oder spätereine Last und Gefahr. Der Trunksüchtige ist ein Kranker ge-worden, der seinem Leiden sich selbst nicht mehr zu entreissen vermag,vielmehr dringend unserer Hilfe und der Heilung bedarf.
Mit dem einzelnen Trinker geht die Familie zu Grunde;nicht nur Jammer und Noth halten alsbald ihren Einzug, sondern dieNachkommenschaft des Trinkers an sich ist anerkannt minderwerthig anQuantität und Qualität und disponirt zu abnormer Entwicklung vonGeist und Körper, wofür die Berichte unserer Kinderheilstätten, der An-stalten für Idioten, Epileptiker u. a. m. erschreckende Beweise liefern.Mit den Familien aber, als den Grundsteinen jeder staatlichen undgesellschaftlichen Wohlfahrt, sinkt auch das festeste Staatsgefügeallmälig zusammen.
Baer sagt einmal: „Die tägliche Erfahrung lehrt, dass nichts dasgeordnete und gesittete Familienleben, dieses Fundament der staatlichenund gesellschaftlichen Wohlfahrt so sehr zerstört, wie die Trunksucht",— und an anderer Stelle: „Die Erfahrung lehrt und die tägliche Wahr-nehmung bestätigt es immer von neuem, dass dort, wo die alkoholischenund ganz besonders die Spirituosen Getränke in weiten Kreisen der Be-völkerung gewohnheitsmässig und im UebermaasS' genossen werden,schwere Schädigungen des leiblichen, geistlichen und sittlichen Lebens,sowie der materiellen Wohlfahrt des Volkes unausbleiblich eintreten undum so grösser sein werden, je mehr und je länger sich dieses Lasterin die Lebensgewohnheiten des Volkes einnistet".
Es würde hier zu weit führen, mit statistischem Materiale nach-zuweisen, welch ungeheuere Schädigung jedes Gemeinwesen durch dieihm zur Last fallenden Trunksüchtigen erleidet, wie viel Tausende vonFamilien infolge Trunksucht zu Grande gehen und wie viel Abertausendevon Schwachsinnigen, Blöden, Epileptikern und sonst minderwerthigenIndividuen sie erzeugen, wie viel Alkoholiker andererseits daheim oderin Krankenhäusern allein durch unmässigen Alkoholgenuss vorzeitigdahin siechen. Nur kurz zusammenfassend sei folgendes bemerkt: Diegrossen Armen- und Besserungshäuser, die allgemeinen Krankenhäuser