Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Trinker. 523
Elendes malen uns die Berichte über die Branntweinpest im zweitenViertel unseres Jahrhunderts; wer aber eine Geschichte des ßiersumpfesund Schnaps- oder Weinkonsums des letzten Viertels eingehend einmalschildern und studiren will, der wird erkennen und erkennen lassen, wieder Jammer und das Elend, welches der unmässige Alkoholgenuss jetzthervorruft, in allen Volkskreisen seine Opfer findet und wie deren Zahleine nicht weniger erschreckende, die Schäden, welche Volkswohl undVolksgesundheit durch den Alkoholismus unserer Zeit erleiden, nicht ge-ringere sind, als die, welche der Branntwein allein zu jener Zeit ver-schuldete.
Es ist bekannt, wie der Alkoholgenuss nur allzuleicht im Menscheneinen unwiderstehlichen Drang, ihn wieder und wieder und im Unmaasszu pflegen, hervorruft. Er ist der heimtückischste Feind des Menschen-geschlechtes, welches er unter der Maske des guten, unentbehrlichenFreundes ins Verderben führt. So ist im Allgemeinen der Alkohol-genuss selbst die eigentliche Ursache der Unmässigkeit undder Trunksucht, und auf das Klarste ist auf dem Wege der Wissen-schaft und der Erfahrung erwiesen, dass die verschiedensten Ursachen,welche man für den Alkoholismus anzuführen beliebt, zumeist nichtsolche, sondern vielmehr die Folgen der Trunksucht sind.
Man hat namentlich sociale Nothstände mannigfachster Art als denAlkoholgenuss begünstigend beschuldigt, die Wohnungsnoth der niederenVolksklassen, die Nahrungssorgen der Armen, die Arbeitslosigkeit u. a. m.,dabei aber vergessen, dass solche Missstände gerade die am ehesten zutreffen pflegen, welche, anstatt für ihre Verhütung oder Abstellung ihrenVerdienst zum grössten Theile für geistige Getränke verausgeben. DieThatsache, dass in Zeiten grösseren Wohlstandes und ungewöhnlich hoherLöhne in lohnarbeitenden Klassen auch der Alkoholverbrauch enormhoch gewesen ist, beweist allein die Nichtigkeit der Behauptung, dassder Arbeiter nur trinke, weil er nicht oder ungenügend verdiene. W'ertrinkt, um die Noth zu bekämpfen, steigert sie. Zum anderen: derReiche im Palaste trinkt, wie der Arme in der Hütte; er trinkt, obwohler nichts von Noth an sich erfährt. Es soll damit nicht geleugnetwerden, dass die Verführung, in das Wirthshaus zu gehen, für den, derdaheim eine ordentliche Wohnung oder genügende Nahrung nicht vor-findet, eine grössere ist, als für den gut Gestellten. Es bedarf dannschon einer besonderen Willenskraft, um der Versuchung zu widerstehen,vor allem aber der sicheren Erkenntniss von der Unrichtigkeit der An-sicht, dass die alkoholischen Getränke eine besondere Nährkraft be-sitzen. Der Nährwerth der Alkoholika ist ein verschwindender.Als Stärkungs- und Wärmemittel aber können sie nur für kurze Zeitdienen. Vielmehr wird ihre im Augenblick belebende und durch Er-weiterung der peripheren Blutgefässe eine allgemeine Durchwärmung desKörpers vortäuschende Eigenschaft von der weiterhin folgenden Er-schlaffung und Abkühlung des Organismus alsbald wieder lügengestraft.Nicht nur die Versuche unserer Physiologen, sondern auch die Er-