6. Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für
Trinker.
(Alkoholfrage und Alkoholbewegung.)
Von
Dr. med. Erich Flade in Dresden.
1. Der Alkoholisnuis.
Der grossartigc Aufschwung, den das Brauwesen, die ungeheuereVerbreitung, welche die Brauereien gewonnen, und die staunenswertheVervollkommnung, welche die gesammte damit zusammenhängende In-dustrie in der Herstellung alkoholhaltiger Getränke in der neueren Zeiterlangt haben, sind in Folge der naturgemäss daraus sich ergebendenbedeutenden Verbilligung der Spirituosen und der enormen Zunahmeihrer Kauf- und Schankgeiegenheiten an erster Stelle die Ursache dafürgeworden, dass die Völker im Laufe der letzten Jahrzehnte sich mehrund mehr dem unmässigen Alkoholgenusse ergeben haben und dassinsbesondere unser deutsches Volk das Volk der Gewohnheits-trinker geworden ist. Der Geschmack an nichtalkoholischen Ge-tränken und das Verlangen nach solchen ist in beständigem Rückgänge;unser gesammtes gesellschaftliches Leben steht unter dem Zwange desAlkoholconsums und der Trinksitten; man verlangt allgemein nachAlkohol.
Das Trinken der Deutschen wird nur zu oft als eine von den Vor-fahren ererbte Leidenschaft bezeichnet. Aber mit Unrecht: Die „altenDeutschen" waren keine Gewohnheitstrinker. Sie tranken im All-gemeinen Getränke von nur geringem Alkoholgehalt, auch nahm diebreite Masse nicht täglich und gewohnheitsmässig geistige Getränke zusich. Das heutzutage bis ins Einzelne ausgeprägte Kneipen- und Stamm-tischwesen war unseren Ahnen fremd. Der Genuss des Branntweins be-ginnt erst mit der Zeit des dreissigjährigen Krieges an Verbreitung zugewinnen und in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts seinen Höhe-punkt zu erreichen, während wir jetzt im Zeitalter des Bier-genusses im Grossen uns befinden und nebenher noch in den wohl-habenderen Kreisen Liköre, Wein und Sekt, in den minder bemitteltenSchnäpse jeder Art in Unmasse vertilgt werden. — Bilder grauenhaften