514 Wildermuth,
Der Unterricht erweitert sich dann zum Anschauungsunter-richt. Dabei kann angeknüpft werden an die nächstliegenden Geräthe,an die Gegenstände in Feld und Garten. Bei diesem Anschauungs-unterricht wird nicht nur das Auge ausgebildet, es wird dabei auchdas Ohr, Geschmack, Geruch, Tastsinn geübt. Er giebt Gelegenheit,den Kindern Mittheilung über die allereinfachsten Lebensverhältnissezu machen: Gebrauch und Anfertigung der Geräthe, Nutzen und Ver-wendung von Bäumen. Flüchten etc. Eine besondere und planmässigausgebildete Art des Anschauungsunterrichts ist der Formunterricht,in welchem den Kindern in verschiedenen Stufen ein vollständigergeometrischer Anschauungsunterricht gegeben wird: Punkte und ihreVerbindung durch Linien, Winkel, geschlossene Figuren (Landen-berger).
Der Unterricht in den Formen wird erleichtert durch einfacheApparate, z. B. das Formenbrett: ein Brett, in dem verschiedeneFormen ausgeschnitten sind: Vierecke, Dreiecke etc. In diese Hohl formenhat das Kind die ihnen entsprechend geformten Holzstückchen zu legen.Giebt man den Formen verschiedene- Farben, so kann man damit aucheinen Unterricht im Farbenerkennen verbinden.
Zeichenunterricht in den ersten Anfängen ist schon in der Vor-schule zu lehren. Neben der Uebung in der Handgeschicklichkeit undder Entwickelung des Formensinns „erwecken diese einfachsten Kunst-leistungen die Freude an selbst vollbrachter Arbeit" (Kölle).
Auch die ersten Anfänge des Rechenunterrichts fallen in die Vor-schule. Sinn für Zählen und Rechnen ist stets, auch bei Schwach-sinnigen leichteren Grades, das Unentwickeltste. In der Vorschule mussman den Kindern auf einfachste Weise den Begriff der Vielheit bei-bringen, stets an Gegenständen, die sie vor Augen haben. Zur Unter-stützung dieses einfachsten Rechenunterrichtes dient das Zählen anden Fingern, „die die einfachste Rechenmaschine darstellen", dieBahny'schen Zahlenbilder, die russische Rechenmaschine und ähnlicheVorrichtungen.
Der. Gesang mit einfacher Instrumentalbegleitung ist von denunteren Klassen an zu pflegen. Ein grosser Theil der Idioten hat aus-gesprochenen Sinn für Musik.
Mit all diesen Uebungen geht ein systematischer Unterrichtim Sprechen Hand in Hand. Die vielfachen Sprachmängel derIdioten, besonders das Stammeln, machen einen systematischen Unter-richt zur Beseitigung dieser Mängel nöthig. Die Arbeiten von Gutz-mann, Vater und Sohn bezeichnen hier einen entschiedenen Fort-schritt.
In der eigentlichen Schule werden die Fächer des Volksschul-unterrichts gelehrt, denen man einfache Realien beifügen kann. DerGang und die Methode des Unterrichts ist auch hier vielfach ein anderer,als in den gewöhnlichen Schulen, doch kann an dieser Stelle nicht weiterdarauf eingegangen werden.