Sonderkrankenanstalten u. Fürsorge f. Nervenkranke, Epileptische u. Idioten. 509
Kranken, die sich — unter der Voraussetzung genügender Ueberwachung— wohl für Privatpflege eignen. Die Fürsorge für Kranke, die aus derAnstalt entlassen worden sind, berührt sich hier mit der familiären Ver-pflegungsform. Die von Alt eingeführte Form familiärer Verpflegung inengem Anschluss an die Anstalt, über die wir bei den Epileptikeranstaltenberichtet haben, dürfte sich auch für Idiotenanstalten empfehlen. KleinerePrivatanstalten, namentlich für Unterrichts fähige Idioten besserer Stände,werden stets ein Bedürlniss bleiben, auch wenn der Staat besser alsbisher für Errichtung grosser Asyle gesorgt hat. In der Geschichte desIdiotenwesens in Deutschland nehmen einige kleinere Anstalten eineehrenvolle Stellung ein.
Die Behandlung der Idiotie.
Die Prophylaxe der Idiotie fällt mit der der Rassenentartungzusammen. Alle Maassregeln zur Förderung der Gesundheit und Wohl-fahrt der Völker dienen auch der Bekämpfung der Idiotie. Besondersist hier der Kampf gegen Alkoholismus und Syphilis von herragenderBedeutung. ■ Welchen Werth die allgemeine Verbesserung der socialenund Gesundheitsverhältnisse in dieser Richtung hat, lehrt ein Blickauf die Geschichte des Cretinismus, der mit wenigen Ausnahmen überallim Rückgang begriffen ist.
Die Verhinderung der Heirathen von Neuropathen wäreauch hier das Beste.
Als Curiosium möchte ich anführen, dass im Staat Michigan demParlament ein Gesetzesvorschlag zugegangen ist, dessen erster Paragraphlautet:
„Alle jetzigen und künftigen Insassen des Hospitals für Schwach-sinnige und Epileptische sollen vor ihrer Entlassung einer Operationunterzogen werden, die „Asexualisation" zur Folge hat, derart, dass einesolche Person ausser Stande ist, ihre Art fortzupflanzen".
Dieser in allem Ernst gemachte Vorschlag ist schon deshalb thöricht,weil .die Anstaltsinsassen der Epileptiker- und Idiotenasyle gewiss denkleinsten Antheil an der Production von ihres Gleichen haben.
Wir brauchen an dieser Stelle keine weitläufige Begründung für dieBehauptung, dass der Arzt an der Idiotenanstalt nur dann in vollemUmfang eine nützliche und befriedigende Thätigkeit entfalten kann, wenner die Stelle eines leitenden Vorstandes einnimmt.
Für die ärztliche Untersuchung der Idioten gelten dieselbenGrundsätze wie bei Nervenkranken überhaupt. Zur Aufnahme der Ana-mnese ist der in Uchtspringe eingeführte Fragebogen zu empfehlen.Bourneville hat ebenfalls ein eingehendes Schema für die Anamneseund zur Untersuchung des geistigen und körperlichen Verhaltens derIdioten gegeben. Ueber einige Punkte, die bei Idioten besonders in Be-tracht kommen, mögen hier kurze Angaben folgen.