Sonderkrankenanstalten u. Fürsorge f. Nervenkranke, Epileptische u. Idioten. 499
Soweit vergleichbare Zählungen vorliegen, scheint die Idiotie in Ab-nahme begriffen zu sein. In Württemberg ergab die Zählung:im Jahre 1841 = 0,239 Idioten auf 100 Einwohner„ „ 1875 = 0,207 „ „ 100
Stahl behauptet für Norwegen mit Bestimmtheit eine Abnahmeund nach Guttstadt kamen in Preussen auf 1000 Einwohnerim Jahre 1871 = 14,2 Idioten„ „ 1880 = 11,0 „Koch kommt nach sorgfältiger Abwägung der Verhältnisse, be-sonders der Verschiedenheiten in der Art der Untersuchung zu demSchluss, dass eine Abnahme der Idiotie im grossen Ganzen wahrschein-lich sei, dass sie aber nicht in dem starken Vcrhältniss stattfinde, wiedies nach einzelnen Zählungen der Fall zu sein scheine.
Ich halte diese Abnahme der Idiotie für einen der Beweise gegendie Behauptung, dass das heutige Geschlecht in zunehmender nervöserEntartung begriffen sei.
6. Die Prognose der Idiotie.
Dass die Lebensdauer der Idioten eine kürzere sei, als die dernicht idiotischen Bevölkerung, wird allgemein angenommen. NachMayr gilt dies namentlich für die schweren Formen.
Die hauptsächliche Todesursache bei Idioten, ist die Tuberculose.Nach der Zusammenstellung von Wulff sind in den Idioten-Anstalten48,6 pCt. der Verstorbenen an Tuberculose zu Grunde gegangen.Ausserhalb der Anstalt liegen die Verhältnisse günstiger.
Heilung, im medicinischen Sinn, ist ausgeschlossen.
Bei der Mehrzahl der Idioten kommen nur die Resultate in Be-tracht, die durch die Anstaltserziehung erreicht werden.
Bei dem idiotischen Blödsinn und dem hochgradigen idiotischenSchwachsinn ist eine Besserung nur insofern zu erreichen, als dieKranken in ihrem Gebahren an Ordnung und Reinlichkeit gewöhntwerdeu können. Bei den leichteren Formen findet unter geeigneterLeitung eine weitere Entwicklung statt, aber bald wird der Höhe-punkt erreicht und es macht sich ein langsam abwärts zielenderVerlauf geltend, der nur durch fortgesetzte Ueberwachung und Fürsorgeeinigermaassen aufgehalten werden kann.
Idioten schwereren und leichteren Grades, denen eine sorgfältigeUeberwachung und Unterweisung nicht zu Theil wird, verkümmern in-tellectuell und entarten moralisch. Diese „verwilderten Idioten" sind ge-fährlich, namentlich dadurch, dass sie willenlose Werkzeuge in der Handschlechter und verbrecherischer Menschen werden können.
Uebcr die Erfolge, die in Idioten-Anstalten erzielt werdenkönnen, möchte ich die Ergebnisse von der Anstalt in Stetten aus demZeitraum von 1882—1897 anführen. Die Mittheilung der Ergebnisseaus den Jahren 1889—97 verdanke ich Herrn Dr. Habcrmaas.