Sonderkrankenanstalten u. Fürsorge f. Nervenkranke, Epileptische u. Idioten. 451
viel gewonnen werde, wenn er lerne, Handlangerdienste in der Gärtnereizu verrichten. Darauf ist zu erwidern, dass es eine ganze AnzahlNeuropathen giebt, die die Arbeit gar nie kennen gelernt haben.Für solche ist es von grossem Werth, dass sie überhaupt an irgendeine nützliche Thätigkeit gewöhnt werden. Welcher Art diese ist, istzunächst gleichgültig, wenn sie nur arbeiten lernen. Sicher wird aufdie meisten die Handarbeit körperlich heilsam und psychisch befriedigendeinwirken. Der ganze Ton der Anstalt wird durch einen regelmässigenernsthaften Arbeitsbetrieb höchst wohlthätig beeinflusst werden. So ver-dient die Anregung, die Möbius zunächst theoretisch, Grohmannpraktisch gegeben hat, die grösste Beachtung.
In den Anstalten, wie sie jetzt sind, wird einer ernsthaften Arbeits-organisation im Wege stehen, dass die meisten Patienten nur kurz inder Anstalt bleiben. Das hängt zum Theil damit zusammen, dass dieSanatorien, wie sie gegenwärtig eingerichtet sind und betrieben werden,gar nicht billig sein können. So wird die Arbeitsbehandlung in grössererAusdehnung erst in Anstalten zur Ausführung gelangen, die auf einemganz anderen Fuss eingerichtet sind. Wir werden darauf zurück-kommen.
Das Pflegepersonal.
In Nervenanstalten hat man weniger Schwierigkeit, brauchbaresPflegepersonal zu erhalten, als in Irren-, Idioten- und Epileptikeranstalten.Die Beschaffenheit des Personals spielt keine so grosse Rolle, auch sinddie Leute besser bezahlt, als in grossen öffentlichen Anstalten. Unterdem Personal müssen gelernte Masseure und Masseusen und in derWasserbehandlung geschulte Leute sein.
Dass die Patienten Verwandte oder pflegende Personen in die An-stalt mitbringen, halte ich für durchaus unthunlich. Am ehesten gehtes mit einfachen Pflegerinnen bei schwer körperlich Kranken, auf derenBedürfnisse sie genau eingeschult sind. Handelt es sich mehr um eineGesellschafterin, so wird die Sache schwierig. Ich habe, im Gegensatzzu Fischer in Constanz, nur üble Erfahrungen damit gemacht. DerKranke kommt in erster Linie deshalb in die Anstalt, um den bisherigenEinflüssen entzogen zu werden. Mit den begleitenden Personen wandertein Theil der ungünstigen häuslichen Verhältnisse in die Anstalt hinein.Dem Arzt wird ein energisches Vorgehen erschwert, der Kranke wirdin seinen Autosuggestionen über das, was ihm gut thut und was nicht,bestärkt.
Eine Gesellschaftsperson hat zudem oft ein unmittelbares Interessedaran, dass der Patient im Zustand der Abhängigkeit und Hilflosigkeitbleibe. Die Folge davon ist ein passiver Widerstand, der den ärztlichenAnordnungen entgegengesetzt wird.