."Sonderkrankenanstalten u. Fürsorge f. Nervenkranke, Epileptische u. Idioten. 441
selbst entlaufen wollen, hat man sich zu widersetzen. Eine vortrefflicheAnleitung zur Regelung der Arbeit für Gesunde und Kranke giebt liiltyin seiner Abhandlung „Die Kunst zu arbeiten".
Für Nervenkranke ist im Ganzen die Arbeit in früher Morgen-stunde nicht räthlich. Häufig schlafen sie erst gegen Morgen tiefer ein.In den Morgenstunden nach dem Erwachen befinden sie sich gewöhnlich•erschöpfter als am übrigen Tag. Aus diesem Grunde sind ihnen auchFrühspaziergänge nicht zu empfehlen. Im Ganzen wird der Beginn derBerufsarbeit Winters vor 9 Uhr, Sommers vor 8 Uhr nicht anzurathensein. Dringend zu empfehlen ist ausgiebige Ruhe nach der Mittags-mahlzeit. Arbeiten nach dem Abendessen ist zu untersagen. Der-Sonntag ist in der Art des englischen Sonntags als unbedingter Ruhetaganzusehen.
Auch in leichten Fällen ist es unbedingt nothwendig, dass dieArbeit durch Ferien unterbrochen wird. 2 oder 3 maliger kürzerer Ur-laub ist im Ganzen einem monatelangen Ausspannen vorzuziehen. Durchein Zerlegen des Arbeitsjahres in mehrere Abschnitte erleichtert man demNervösen seinen Beruf in hohem Grade.
Von Neurasthenikern und Hypochondern wird der Arzt oft gefragt,wie sie es mit der Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse halten sollen.
Meines Erachtens ist die erste Pflicht des Arztes, den Patienten■darüber zu belehren, wie er starke sexuelle Erregung verhindern könne,ferner hat man ihn auf die grosse Gefahr der Infection und ihre Folgenaufmerksam zu machen. Das Uebrige ist Sache des Patienten.
Diesem direkt zu rathen, zu Dirnen und in Bordelle zu laufen,halte ich bei den Gesundheitsverhältnissen, wie sie unter den Prosti-tuirten herrschen und den Folgen der venerischen Infection, deren vollenUmfang wir erst in neuerer Zeit anfangen kennen zu lernen, für ge-wissenlos.
Durch sexuelle Abstinenz sind noch nicht viele Menschen krankgeworden, durch die venerische Infection ist über Tausende Krankheitund Elend gekommen, nicht nur über sie selbst, sondern auch über ihreFamilien.
Ein Theil der Patienten wird die ärztliche Aufforderung als Freibrieffür jede Art von Ausschweifungen ansehen, die Hypochonder und Neur-asthcniker werden durch den Verkehr mit Dirnen ihren hypochondrischenKram um einen neuen Artikel bereichern, die Furcht vor der Infection.
Dass ein Neurastheniker durch liederliche Weiber geheilt wordenwäre, habe ich noch nie gesehen.
Was die Ernährung der Nervenkranken betrifft, wird man imAllgemeinen sagen können, dass für die Neuropathcn zu starke Eiweiss-■zufuhr, namentlich reichliche Fleischnahrung nichts taugt. Lactovegeta-bilischc Diät ist vorzuziehen, dabei kann einmal täglich Fleisch gegebenwerden. Reichlicher Genuss von Obst und grünen Gemüsen ist sehr zu•empfehlen.
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