Sonderlcrankenanstalten u. Fürsorge f. Nervenkranke, Epileptische u. Idioten. 437
Die Erschöpfungszustände nach acuten Krankheiten bieten das reinsteBild der Neurasthenie.
Der gewohnhoitsmässige Genuss von Alkohol, auch wenn er nachden landläufigen Auschauungen nicht als Trunksucht gilt, ist eine häufigeUrsache nervöser Beschwerden. Es sind hier nicht die schweren organi-schen Veränderungen nach Alkoholvergiftung gemeint, sondern die imengeren Sinne neurasthonischen Beschwerden: Angstzufällc, Ermüdungs-gefühl, Arbcitsunlust.
Auch starkes Rauchen kann speeifisch neuasthenischc Zuständeerzeugen - .
Onanie und übertriebene natürliche Befriedigung des Geschlechts-triebes führen häufig zur Neurasthenie. In wie weit die üblen Folgendieser Ausschreitungen psychisch oder physisch bedingt sind, lässt sichnicht sicher bestimmen, ist im Grunde auch gleichgültig.
Bei mindestens der Hälfte der Nervenkranken kennen wir keineunmittelbaren Ursachen.
2. Die Prophylaxe der Nervenkrankheiten.
Da die Mehrzahl aller Nervösen die Krankheitsanlage mit auf dieWelt bringen, so wäre das beste vorbeugende Mittel nervenkranke,nervenschwache und degenerirte Menschen nicht heirathon zu lassen.Das wird stets ein frommer Wunsch bleiben.
Die Annahme, dass das Heirathen für das neuropathisch veranlagteIndividuum selbst heilsam sei, ist in dieser Allgemeinheit ausgesprochennicht richtig. Viele dieser Menschen schlagen sich ledig schlechtund recht durchs Leben, der Verantwortung und den Pflichten desFamilienlebens sind sie nicht gewachsen. Ich kenne nur verschwindendwenig Fälle, in denen Hypochonder oder Neurasthenische durch dasHeirathen gebessert worden wären, dasselbe gilt für die Hysterie: aus denhysterischen Mädchen werden eben hysterische Weiber, und als solchesind sie gemeingefährlicher.
Vorschriften zu einer vorständigen Erziehung der Kinder, alsGegengewicht gegen eine nervöse Anlage werden seit alter Zeit vonAcrztcn und Erziehern gegeben. Sie werden am wenigsten von denenbefolgt, für die sie in erster Linie bestimmt sind.
Zu vermeiden ist bei Kindern jede Art alkoholischer Getränke,starker Thee und Kaffee. An sich haben die Kinder gar keine Neigungzu diesen Reizmitteln, sie wird erst durch die Umgebung geweckt. Diemeisten Kinder bekommen auch zu bald und zu viel Fleisch, dadurchwird ihnen die Milch verleidet.
Es ist nicht gut, die Kinder bald auf grosse Reisen mitzunehmen,sie werden dadurch auf der einen Seite aufgeregt und frühreif, auf derandern Seite wird der feinere Natursinn abgestumpft. Das Kind sollzunächst seine engere Heimath kennen und sich daran freuen lernen,