Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
435
Einzelbild herunterladen
 

Sonderkrankenanstalten u. Fürsorge f. Nervenkranke, Epileptische u. Idioten. 435

leiden ist. Nehmen wir in solchen Fällen das Wort Neurasthenie, soverzichten wir auf eine scharfe Diagnose, aber wir heben das wesent-lichste gemeinsame Symptom dieser Zustände hervor: die verminderteLeistungsfähigkeit in Folge einer Ernährungsstörung des Ner-vensystems. Ich halte dies für richtiger als mit einer gewissenWillkürlichkeit den Namen einer der Krankheitserscheinungen herauszu-greifen und dem klinischen Bild Gewalt anzuthun.

Die Mehrzahl dieser Zustände sind als Entartungskrankheiten auf-zufassen. Nicht selten namentlich ist dies bei hypochondrischenund hysterischen Formen der Fall sind sie mit psychischer Schwächeverbunden.

Wenn wir im Folgenden von Nervenkrankheiten reden, so verstehenwir darunter stets die genannten Krankheitsformen.

1. Die Ursachen der functionelleii Nervenstörungen.

Es ist eine weit verbreitete Annahme, dass in den Einflüssen derwachsenden Cultur die hauptsächlichen Ursachen für Nervenkrank-heiten gegeben seien, und dass unter diesen Einflüssen die Zahl der Nerven-kranken ein erschreckendes Wachsthum zeige. Aehnliche Klagen sindalt. Schon Hufeland hat über das physische Gesunkensein unddieEntartung des menschlichen Geschlechtes zu Schattenbildern" geklagtund Politzer hat die Blutarmuth als vorwiegenden physischen Charakterunserer Zeit bezeichnet. Diese Klagen werden gegenwärtig ins Nervöseübersetzt. Thatsächlieh ist weder eine Zunahme der Nervenkrankheitennoch eine Schädigung des Nervensystems durch die Cultureinfiüsse nach-gewiesen.

Die erbliche Belastung ist die wichtigste Ursache für die Nerven-krankheiten. Löwenfeld nimmt sie in 75 pCt. der neurasthenischen ,Zustände an. Binswanger hält diese Zahl für zu hoch. 60 pCt. dürfteals Durchschnittszahl annähernd richtig sein.

Von. den unmittelbaren Ursachen hält Möbius in seiner geist-vollen ArbeitUeber die Behandlung von Nervenkranken und dieErrichtung von Nervenheilstätten" die Gemüthsbewegungen für diewichtigsten.

Ich kann mich dieser Ansicht nicht anschliessen. Von den Patientenselbst werden die nervösen Störungen freilich häufig auf irgend ein un-glückliches Ereigniss oder auf unglückliche Verhältnisse zurückgeführt gerade wie bei den Psychosen. Bei näherer Erkundigung wird mangewöhnlich erfahren, dass das Nervensystem schon vorher nicht wider-standsfähig war. Möbius selbst sagt:Ein gesunder Mensch verträgtungeheuer viel und auch sehr viel Gemüthsbewegungen ohne Schaden;dass die Nervenkranken durch Schreck, durch Aerger, durch Ehrgeiz,durch Angst u. s. w. aus dem Gleichgewicht gebracht werden, das be-ruht eben darauf, dass ihnen eine krankhafte Reizbarkeit, ein