Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
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430
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430 Lewald,

werden. Bedeutend schwieriger liegen diese Verhältnisse bei den meistden vermögenden Klassen an gehörigen chronischen Geisteskranken derPrivat-Anstalten; hier ist es von Fall zu Fall Aufgabe des individuali-sirenden Arztes, den Kranken vor dem gänzlichen Zerfall seiner geistigenPersönlichkeit dadurch zu bewahren, dass er ihn zu JLectüre, Musiciren,Gesellschafts- und Kartenspielen anregt. In der Privatanstalt wird aberdie Beschäftigung der Kranken meist damit identisch sein, was wir inder öffentlichen Anstalt unter der Unterhaltung der Kranken verstehen.Gewiss finden sich stets einzelne Kranke, welche in leichter Garten-arbeit befriedigende Bethätigung finden, bei der Mehrzahl muss mansich aber mit leichten mechanischen Handarbeiten helfen. In einergrossen Anzahl von Fällen ist es zweckmässig, eine regelmässige undmethodische geistige Beschäftigung dem Patienten anzuempfehlen. Fürjugendliche Kranke hat Kahlbaum (Allgemeine Zeitschrift für Psychi-atrie, Band 40) regelmässigen Unterricht unter fremder Anleitung vor-geschlagen und in seiner Anstalt in Görlitz ein ärztliches Pädagogiuniorganisirt; sein Hauptbestreben ist hierbei die harmonische Ausbildungaller Kräfte des jugendlichen Kranken und er verbindet mit demgeistigen Unterrichte körperliche, mechanische und artistische Thätigkeit(Schaefer, I. c).

Familien-Pflege.

Von der freien Behandlung, die man unter dem Namen der colo-nialen Verpflegung den auf dem Felde arbeitenden chronischen Krankengewährte, ist man noch einen Schritt weiter gegangen, indem man dieKranken den in der Umgebung der Anstalt wohnenden Bauern in Fliegegab. Diese Art der Unterbringung chronischer Geisteskranker wurdezuerst in Gheel in Belgien eingerichtet und hat eine besonders grosseAusbildung in Schottland erfahren (Suthcrland: The insanc in privatedwellings, Edinburgh, 1897); dort sind von circa 14000 amtlich ge-zählten Geisteskranken circa 3000 in Familien untergebracht. InDeutschland ist eine Familienpllege in grösserem Maasse von Wahren-dorf f im Anschluss an seine in Uten bestehende Privat-Anstalt ein-gerichtet worden, mit sehr gutem Erfolge; weniger zufriedenstellendeResultate ergab ihre Einrichtung an verschiedenen Provinzialanstalten,wie Bunzlau, Allenberg, Kortau. Es eignet sich eben nicht jede Be-völkerung für den Verkehr mit Geisteskranken und. deshalb erscheintder von Alt (Beitrag zur Wärterfrage. Monatsschrift für Psychiatrieund Neurologie, 1897) vorgeschlagene und mit günstigem Erfolge bereitsbetretene Weg überaus geeignet, in der Frage der Familienpflege zueinem guten Ziele zu führen. Er gebt aus von der zweifellos richtigenErwägung, dass ein tüchtiger Berufswärterstand vorzüglich geeignet istzur systematischen Ausbildung einer wohlgeordneten familiären Irren-pflege und damit zu einer dauernden billigen Entlastung der Anstalten.Eine solche Entlastung muss aber unbedingt angestrebt werden, an-