Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
429
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Sonclerkrankenanstalten und Fürsorge für Geisteskranke. 429

vor jeder anderen Beschäftigung den Vorzug hat, dass .sie in frischerLuft verrichtet wird und ohne Schwierigkeit von der Mehrzahl derKranken erlernt werden kann. Die Kranken arbeiten in einzelnen Co-lonnen unter Anleitung eines Wärters, manche auch allein nach An-ordnung des leitenden Arztes. Solche Kranke lässt man mit Vorliebein einfacheren, von der Hauptanstalt onfernton Gebäuden ohne jedenVerschluss wohnen (Oolonien). Welche grossen Erfolge durch diese Co-lonisirung Geisteskranker erreicht werden können, zeigt die unter derLeitung von Paetz stehende Irrenanstalt Altscherbitz, wo das Arealeines früheren Rittergutes mit Zuckerrübcncultur, Brennerei, Ziegeleiu. s. w. fast nur von Kranken bearbeitet wird. Es wird das dauerndeVerdienst von Paetz (Die Colonisirung Geisteskranker, Berlin, 1890)bleiben, zuerst in Deutschland in systematischer Weise für die Be-schäftigung der chronischen Geisteskranken mit Feldarbeit eingetretenzu sein und zu gleicher Zeit in der von ihm geleiteten Anstalt diepraktische Durchführbarkeit der von ihm empfohlenen Einrichtungen ge-zeigt zu haben. Es ist wohl möglich, dass in dieser besten und ver-hältnissmässig billigen VerpÜegungsart chronischer Geisteskranker dieFrage der Irrenfürsorge einen Weg ihrer Lösung gefunden hat. Gradedie grosse Anzahl jener nach einer acuten Psychose geistig invalideGewordenen, denen die Fähigkeit, auf eigene Hand den Kampf ums Da-sein fortzusetzen, durch die Demenz genommen ist, findet durch die inder regelmässigen Beschäftigung liegende stete geistige Anregung dieMöglichkeit, Jahre hindurch sich in der Anstalt eines leidlichen Wohl-seins zu erfreuen. Natürlich gilt dies nicht von der Feldarbeit allein,sondern von jeder, wie immer gearteten, zweckmässigen Beschäftigung".

Chronisch geisteskranke Handwerker kann man auch in besonderenWerkstätten mit ihrem Handwerk beschäftigen; die vielen in dem Be-triebe einer grossen Irrenanstalt vorkommenden Reparaturen erfordernohnehin eine Reihe von Werkstätten, in welchen unter Leitung eines,des betreffenden Handwerkes kundigen Wärters die Kranken sich zuihrem eigenen Vortheil und dem der Anstalt in derjenigen Weise be-schäftigen, die ihnen seit Jahren geläufig ist. Der Natur der Sachenach werden diejenigen Anstalten, denen ihr Krankenmaterial ausgrossen Städten zulliesst, in höherem Grade Gewicht auf die Be-schäftigung ihrer Pfleglinge in AVerkstätten legen müssen, als diejenigenAnstalten, deren Aufnahme-Bezirk das platte Land ist. Viele Krankesind nun weder . in der Werkstatt noch im Garten oder Feld zu ver-wenden; für sie sucht man eine Beschäftigung, die leicht erlernt undfast ohne Werkzeuge betrieben werden kann, wie Korb- oder Stroh-flcchterei. Weibliche Kranke sucht man vorwiegend mit Nähen oderStricken zu beschäftigen, die leistungsfähigeren finden in der Küche undbei der Wäsche passende Verwendung.

Natürlich kommt es bei der Arbeit, von chronischen Geisteskrankennicht sowohl darauf an, was und wie gearbeitet wird, sondern haupt-sächlich darauf, dass gearbeitet wird, und dass die Kranken beschäftigt