428 Lewald,
Die Idee von Alt, eine Monatsschrift für das Wartepersonal derIrrenanstalten zn gründen, war sicher eine gute; die seit Anfang 1897 imVerlage von C. Marhold in Halle erscheinende „Irrenpflege" bringt in ge-meinverständlich abgefassten Abhandlungen Belehrung und Aufschluss überalle das Pflegepersonal angehenden und interessirenden Fragen aus demGebiete der allgemeinen Krankenpflege und der speciellcn Irrenpflege, derWohlfahrtseinrichtungen und überhaupt des allgemeinen Wissens. Die Zeit-schrift wird, soweit ich gesehen habe, von dem Personal gerne gelesen;es ist zu hoffen, dass sie zum Wohle des Pflegepersonals und damitzum Heil der Geisteskranken beitrage.
Beschäftigung der Kranken.
Wie schon 'mehrfach angedeutet worden ist, bedürfen Menschen,die acut psychisch erkrankt sind, vor allem der Ruhe. Dazu gehört,dass die gewohnten Beziehungen in persönlicher und geschäftlicher Rich-tung ganz abgebrochen werden, bis die sich anbahnende Genesung dievorsichtige Aufnahme des Brief- und Besuchsverkehres wieder gestattet.Bei chronischen Kranken nun ebenso, wie in der Reconvalescenz vonacuten Psychosen, ist das Hauptaugenmerk des behandelnden Arztesauf eine zweckmässige Beschäftigung des Kranken zu richten.
„In einer spanischen Stadt Saragossa besteht für Kranke und vor-züglich für Wahnsinnige aller Länder und Religionen ein offener Zu-fluchtsort mit der einfachen Inschrift: Urbi et orbi. Die Stifter des-selben suchten nicht blos durch mechanische Arbeiten, sondern vorzüg-lich durch das Anlockende des Feldbaues den Verirrungen des Geistesein. Gegenmittel entgegen zu stellen. Am Morgen sieht man, wie einigeKranke die Dienste des Hauses versehen, andre sich in ihre Werkstättenbegeben. Die meisten derselben vertheilen sich mit Frohsinn in ver-schiedenen Haufen unter der Leitung verständiger Aufseher ins Feld,das zum Hospital gehört und übernehmen mit einer Art von Wettstreitdie Arbeiten, die jeder Jahreszeit zugemessen sind. Sic bauen Weizen,Hülsenfrüchte, Kräuter, besorgen die Ernte, das Dreschen, die Wein-und Oliveniese. Davon haben sie den Vortheil, dass sie am Abend inihrem glücklichen Asyl der Ruhe und des Schlafes gemessen und vielesollen blos durch diese einfache Einrichtung wieder zur Vernunft ge-langen". So schreibt Reil in seinen 1803 erschienen „Rhapsodicenüber die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen".Er betrachtet diese Mittheilung als ein Curiosum und ahnte nicht, dassdie Beschäftigung der Kranken, von der er erzählt, so bald ein thera-peutisches Mittel ersten Ranges werden sollte, ohne welches wir unsheute eine Irrenanstalt gar nicht mehr vorstellen können.
Diese Beschäftigung ist natürlich nicht der Zweck, sondern eintherapeutisches Mittel der Anstalt und muss in zweckentsprechenderWeise organisirt werden. Die Arbeit der Kranken kann eine sehrmannigfaltige sein: die wichtigste ist die Garten- und Feldarbeit, die