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1 (1899)
Entstehung
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424
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424 Lewald,

haben; von diesen muss ungefähr die Hälfte aus praktisch durchgebil-deten Psychiatern bestehen, während die übrigen Collcgcn jüngere Aerztesein können. Aufgabe der Aerzte ist es nun, durch Wort und Beispielam Krankenbett wie bei der Arbeit, in der Einzelunterweisung wie inUnterrichtskursen, dem Wartepersonal wahren Berufseifer cinzuflössen,das sachliche und allgemeine Wissen zu fördern und vor allem jeneunerschütterliche und gleichmässige Besonnenheit im Fühlen und Handelnanzuerziehen, ohne die es unmöglich ist, selbst den aufgeregtestenKranken gegenüber stets gleich wohlwollend und liebenswürdig und dochbestimmt zu sein (Alt, 1. c.)

Natürlich werden sich diesem Berufe, dessen Erlernung und Aus-übung hohe intellektuelle und moralische Befähigung und Bethätigungvoraussetzt, nur dann die geeigneten Bewerber zuwenden, wenn ent-sprechende Belohnung der zu leistenden Dienste in sicherer Aussichtstobt. Die Besoldung eines Menschen muss ja im Verhältniss stehen zudem Maass der von ihm verlangten körperlichen und seelischen Arbeits-leistung und Abnutzung. Letztere ist übrigens unter gleichen Verhält-nissen um so grösser und schneller, je unmittelbarer und ununterbrochenerdas Verantwortlichkeitsgefühl in Anspruch genommen wird. WelcherStand in den kleinbürgerlichen Berufszweigen könnte, unter diesem Ge-sichtspunkt betrachtet, dem heutigen Irrenwärterstand nur annäherndverglichen werden? Die Irrenwärter arbeiten vielfach nahezu die doppelteNormalarbeitszeit inmitten einer für das leibliche und seelische Wohl-befinden gleich gefährlichen Umgebung. Ja, sie schlafen sogar des Nachtsfür gewöhnlich mitten zwischen den Kranken, selbst während des Schlafesnicht völlig frei von Verantwortlichkeit. Sie müssen überdies gewärtigsein, wegen einer an und für sich geringfügigen, unter andern Verhält-nissen kaum ins Gewicht fallenden Unachtsamkeit z. B. bei.einemSelbstmord eines Kranken mit dem Strafgesetzbuch in Conflict zugerathen und Gefängnissstrafe zu erleiden. So kommt es denn, dassdie Personen des Wärterstandes so erschreckend schnell nachmancher Irrenärzte Ansicht sogar schon nach wenigen Jahren ver-braucht, für den Wartedienst und auch für andere bürgerliche Beschäf-tigungen minderwerthig werden. Und was wird diesem Stand als Gegen-leistung geboten? Durchweg eine Bezahlung (Alt, 1. c), die nicht der-jenigen eines tüchtiges Handwerkers gleichkommt. Da braucht man sichfreilich nicht zu wundern, wenn die Zahl der in den Wärterdienst ein-tretenden brauchbaren Elemente klein, die der ausharrenden erschreckendgering ist. Da wird es begreiflich, dass vielfach nur solche Existenzenin den Dienst der Anstalten treten, die draussen keine dauernde Stellungfinden können.

Früher empfahl man wohl, Militäranwärter zum Dienst in den Irren-anstalten heranzuziehen. Meyer (Aerztlichcr Jahresbericht der Provinzial-Irrenanstalt Göttingen pro 1895/96) betont, dass diese Leute durchausfür den Warte- oder Oberwartedienst unbrauchbar sind: das rücksichts-lose Durchgreifen, die absolute Subordination, wie sie die strenge Dis-