Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
422
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422 Lewald,

baren Kranken 4Vo pOt., die der besserungsfähigen 10 pOt., so dassungefähr 15 pGt. des Bestandes nur Aussicht auf einen Ourerfolg boten.Es ist erklärlich, dass noch einigermaassen urtheilsfähige, gemütblicherregbare Kranke durch eine so grosse Ueberzahl völlig unheilbarer,hoffnungsloser, vielleicht schon 20 bis 30 Jahre in der Anstalt weilendenPfleglinge, von vornherein auf das Unangenehmste berührt und durchdas Zusammensein mit stumpfen oder unruhigen Verblödeten oder altenParanoikern, sehr ungünstig beeinflusst werden. Es ist namentlich inälteren, geschlossen gebauten Anstalten recht schwierig, durch besondereMaassnahmen, wie locale Trennung, dem heilbaren Kranken über denschädigenden Einfluss der ihn abstossenden Umgebung hinwegzuhelfen.Mit Recht hebt Zinn in einem Revisionsbericht (Bericht über die ost-preussischen Irrenanstalten, 1895, pag. 32) hervor, dass die durch diegrosse Masse jahrzehntelang in den Anstalten lebender unheilbarerKranker hervorgerufene Ueberfüllung, an der übrigens nahezu alle preus-sischen Provinzialirrenanstalten zur Zeit mehr oder weniger leiden, mitschweren Gefahren für die Kranken, das Aerzte- und Wartepersonal ver-bunden ist, die Kranken aufs empfindlichste schädigt, die Pflege er-schwert, die Heilung der Heilbaren verzögert, ja nicht selten vereitelnkann. Die Ueberfüllung ist, wie ein erfahrener Irrenarzt (Ludwig)sagt, wenn sie einmal einen gewissen Grad erreicht hat, nichts anderes,als eine Tag und Nacht fortgesetzte Misshandlung der Kranken anLeib und Seele, ein thatsächlicher Betrug in den Hoffnungen und demVertrauen der Kranken und deren Angehörigen, eine Vernichtung derArbeitsfreudigkeit und des Pflichteifers der Aerzte, deren Bemühungenfruchtlos bleiben müssen und endlich noch ein unfehlbares Mittel, umden willigen und eifrigen Wärter zu entmuthigen, die Rohheiten undNachlässigkeiten des schlechten aber zu beschönigen". Es ist selbst-verständlich, dass solche Zustände unhaltbar sind und Abhülfe gebotenist; diese kann aber naturgemäss nicht von heute auf morgen geschaffenwerden, sondern nur allmälich erfolgen.

Vielleicht, dass unter diesen Umständen man auf die Einrichtungvon passend vertheilfen und mit allen Hilfsmitteln reichlich versehenenkleineren Heilstätten, Sanatorien zu zeitweiliger Behandlung ausschliess-lich acuter Krankheitszustände kommen wird, während die bisherigenHeil- und Pflegeanstalten, die im wesentlichen jetzt schon Pflegeanstaltensind, ausschliesslich für chronische Kranke bestimmt, und bei einfachenVerpftegungsformen namentlich mit reichlicher Gelegenheit in geeigneter,zumal landwirtschaftlicher Beschäftigung der Pfleglinge ausgestattetbleiben. Zu fürchten steht allerdings, dass diese Bestrebungen durchihre, die Steuerzahler noch stärker in Anspruch nehmende, finanzielle Be-lastung in absehbarer Zeit keine Aussicht auf Verwirklichung habenwerden. Einen andern Modus der Verpflegung unheilbarer und ruhigerGeisteskranker, dem vielleicht eher die Zukunft gehört, werden wir später-hin in der Familienpflege kennen lernen.