418 Lewald,
Verfahren getäuscht worden ist (Die Provinzial-Irrenanstalt in Göttingen.1891). Ich muss gestehen, mir würde zu dieser abwartenden Methodeder nöthige Muth fehlen, der ja auch nur durch eine sehr grosse Er-fahrung gewonnen werden kann; soweit icli sonst gesellen, gelesen odergehört habe, wird Sondenfütterung in allen Anstalten in entsprechendenFällen geübt. Den Nachtheil freilich hat diese Art der Nahrungszufuhr,dass Kranke, die sich an diese Encheircse gewöhnt haben, nur schwerwieder zu essen anfangen: ich erinnere mich z.B. einer melancholischenKranken, welche die Sondenfütterung im Sinne ihrer Wahnideen ver-werthete und in der Einführung der Sonde die gern hingenommene Strafefür ihre Sünden sah. — Im Allgemeinen genügt eine zweimalige Nahrungs-zufuhr täglich: sie besteht am besten jedesmal aus 1 / 2 1 Milch, 2 rohenEiern, x / 4 1 Portwein und etwas Kochsalz. Die Flüssigkeit muss filtrirtwerden, damit sie keine die Sondenfenster verstopfenden Gerinsel ent-hält und muss auch etwas über Blutwärme temperirt sein. Die Gefahr,mit der Sonde in die Luftwege zu gelangen, ist meiner Erfahrung nachnicht gross: Husten, Cyanose, Erstickungsanfälle würden im betreffendenFalle selbst den gänzlich Ungeübten auf den falschen Weg aufmerksammachen, den das Instrument genommen hat. Besteht Neigung zum Er-brechen, so kann man vorher einige Tropfen Chloroform durch die Sondeeingiessen. Natürlich ist für ßeinhaltung des Mundes zu sorgen unddie fast immer vorhandene Verstopfung durch Zusatz von Ricinusöl zurNährflüssigkeit zu beseitigen. Das Herausziehen der Sonde muss inetwas beschleunigtem Tempo erfolgen, und es ist rathsam, die Sondeoben zusammenzudrücken, damit beim Passiren der Epiglottis kein Tropfender Nährflüssigkeit in die Luftröhre fällt und dort unangenehme Er-scheinungen macht. Es empfiehlt sich, stets nur in ßettlage mit derSonde zu füttern; da abstinirende Kranke selbstverständlich dauernd imBette zu halten sind, so ist dies auch für den Kranken das beepuomste.— Bei sehr schwachen, besonders bei paralytischen Kranken kann essich ereignen, dass durch ungeschicktes Manipuliren des Personals, dasden Kranken mit dem Löffel füttert, Lungengangrän entsteht. Dies ver-hindert man dadurch, dass man dem Personal lehrt, es dürfe ein Krankernur in sitzender Stellung mit dem Löffel gefüttert werden, das Fütternselbst müsse sehr langsam vor sich gehen und der nächste Löffel dürfeerst dann gereicht werden, wenn der Inhalt des vorhergehenden herunter-geschluckt sei: Paralytikern, die die Neigung haben, sich den ganzenMund vollzustopfen — Erstickung ist nicht selten —, muss gleichfallsdie Nahrung langsam gereicht werden. Geräth ein solcher Kranker trotz-dem in Erstickungsgefahr, so muss man ihm sofort in den Mund fahren,ihn leeren und den Kehldeckel frei machen.
Die Behandlung mancher Geisteskranken wird dadurch sehr er-schwert, dass sie mit Koth und Urin unreinlich sind. Dies kann zu-nächst in Sphinkterenlähmung (wie bei der Paralyse und anderen or-ganischen Hirnerkrankungen) oder auch in der intellectuellen Schwäche