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1 (1899)
Entstehung
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393
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Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Geisteskranke. 393

die man früher einfach gebunden ihrem Schicksale überlassen hatte, mehrzu kümmern, und da zeigte sich denn recht bald, dass die meistenchronischen Kranken recht wohl nützlich beschäftigt werden können,wenn sie richtig angeleitet werden. Besonders glücklich waren die Ver-suche, einen Theil der chronischen Kranken mit Landwirtschaft zubeschäftigen. Nachdem 1832 die Irrenanstalt Bicetre in Paris und 1847die Gebrüder Labitte zu Clermont vorangegangen waren, wurde 1864in Anlehnung an die Irrenanstalt zu Hildesheim (Snell, Grundzüge derIrrenpilegc. Berlin 1897) die Ackerbau-Colonie Einum von 40 Krankenbezogen. Nach einigen Kinderkrankheiten, die die Oolonie zu überstehenhatte, bewährt sie sich seit 1869 sehr gut und liefert seitdem nichtunerhebliche Ueberschüsse. Die Verwendung der arbeitsfähigen Geistes-kranken zur Beschäftigung mit Landwirtschaft hat sich seither so. bewährt, dass die Mehrzahl der Anstalten, welche jetzt gebaut werden,von vornherein in ihrer ganzen Anlage darauf Eücksicht nehmen, inmöglichst weitgehendem Maasse ländliche Arbeiten zur Beschäftigungder Kranken zu verwenden. Während durch die Pflege der Arbeit imAllgemeinen und der Landarbeit im Besonderen die Behandlung derchronisch Kranken in neue Bahnen gelenkt worden ist, hat in den letztenJahren auch die Behandlung der frisch psychisch Erkrankten durch diesystematische Ausbildung der Wachabtheilungen und die ausgedehnteAnwendung der Bettruhe eine wesentliche Verbesserung erfahren.

In erster Linie aber erhält, wie Snell (1. c. pag. 17) mit Rechthervorhobt, die heutige Irrenpflege in kultivirten Ländern ihr Geprägedurch das Streben, den Kranken ein möglichst grosses Maass von Frei-heit zu gewähren, soweit es mit ihrem Zustand irgend vereinbar ist.Die moderne Anstalt sucht alles abzuschütteln, was an die Zeiten er-innert, in denen Gefängniss und Irrenanstalt identische Begriffe waren;sie sucht durch individualisirende Behandlung und sorgfältige Pflege demKranken eine möglichst grosse Aussicht auf Heilung zu gewähren, undsie verschafft denen, die nicht heilbar sind, durch passende Beschäftigung,die mit angenehmer Zerstreuung abwechselt, ein menschenwürdiges Da-sein und in vielen Fällen ein zufriedenes, nicht zweckloses Leben.

Wie hat man sich Geisteskranken gegenüber zu verhalten?

Denken wir uns nach diesem kurzen historischen Rückblick, derzur Würdigung des bisher auf unserem Specialgebiete Erreichten unum-gänglich nöthig war, den konkreten Fall, dass der praktische Arzt zueinem Kranken gerufen wird, der Symptome darbietet, welche auf dasBestehen einer Psychose schliessen lassen. Ob das betreffende Individuumwirklich geisteskrank ist und an welcher Form von Geisteskrankheit esleidet, muss den Arzt sein diagnostisches Wissen lehren und eine Er-örterung darüber fällt aus dem Rahmen vorliegender Betrachtung heraus.Nehmen wir an, es handelt sich wirklich um einen Geisteskranken, soentsteht sofort die Frage: Wie hat sich der Arzt und wie haben sich

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