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Heilkunde ursern jetzigen Anschauungen in einer Weise, die es schwerbegreifen lässt, wie mühsam und allmälig sich diese Uebcrzeugung, dieim Mittelalter ganz verloren war, in der Neuzeit wieder Bahn brechenmusste (Peretti, Ueber die frühere und jetzige Behandlung der Geistes-kranken. Düsseldorf 1895). Erst im achtzehnten Jahrhundert gelangtedie Anschauung wieder zur Anerkennung, dass Geisteskranke Krankesind, deren Heilung versucht werden müsse. Es dauerte jedoch sehrlange, bis die Förderung einer humanen Irrenpflege wirklich zur Aus-führung kam. Pinel in Paris war derjenige, der am nachdrücklichstenweitere Kreise darauf hinwies, dass es Unrecht sei, Kranke wie wildeThierc und wie Verbrecher an Ketten zu legen; der ganze Ruhm für dieWendung, welche im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in der Be-handlung der Geisteskranken eingetreten ist, wird deshalb gewöhnlichPinel zugetheilt. Richtiger glauben wir wohl mit La ehr (Die Psy-chiatrie im achtzehnten Jahrhundert. Berlin 1895), dass nicht eineNation oder eine einzelne Persönlichkeit den traurigen Zustand derfrüheren Jahrhunderte umgestaltet hat, sondern dass die Kultur im All-gemeinen fortgeschritten war und sich in allen civilisirten NationenMänner fanden, welche eine humanere Behandlung der Geisteskrankenanstrebten, allerdings nur vereinzelt und zumeist an die Persönlichkeitgebunden. Die Anschauung, dass man die Geisteskranken nicht einfach,wie es im Mittelalter geschehen war, unschädlich machen dürfe, sonderndass man ihnen helfen und ihre Heilung versuchen müsse, brach sichrasch Bahn. Trotzdem blieb das Schicksal der Geisteskranken nochlange Zeit recht traurig: Durch die lange Gewohnheit, die Geistes-störungen nur unter. dem Gesichtspunkte der Gemeingefährlichkeit zubetrachten, überschätzte man allgemein die Gefährlichkeit der Krankenund wagte nicht, ihnen grosse Freiheit zu lassen. Ebenso bedenklichwar eine moralisiren.de Richtung der Psychiatrie, die besonders inDeutschland auftrat, mit der Neigung, die Geisteskrankheiten als eineFolge der Sünde anzusehen und dementsprechend zu behandeln.
Von der falschen Ansicht, die Unruhe der Geisteskranken durchäussere Beschränkungsmittel günstig beeinflussen zu Avollcn, kam manerst um die Mitte unseres Jahrhunderts zurück. Besonders Conollyzeigte, dass man sehr wohl ohne alle Zwangsmittel, ohne Strafen undohne Einschüchterung Geisteskranke behandeln kann, und dass die Er-gebnisse dieser milden Behandlung bedeutend günstiger sind, als die derfrüher gebräuchlichen. In Deutschland war Ludwig Meyer in Ham-burg (jetzt Professor in Göttingen) der erste, der dieses „norestraintSystem" zur strengen Durchführung brachte, das jetzt bei civilisirtenVölkern in der Behandlung von Geisteskranken wohl überall herrscht(Snell, Zur Geschichte der Irrenpllege. Hildesheim 1896).
. Unter den Folgen, welche die Abschaffung von Zwangsmitteln inden Irrenanstalten hatte, war eine der segensreichsten die Beobachtung,dass die Gefährlichkeit der Geisteskranken nicht entfernt so gross war,als man früher angenommen hatte. Man fing an, sich um die Kranken,