Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Lungenkranke. 343
Einer der besten Kenner der Psyche Tuberculöser, Heinzelmann,stellte fest (Zeitschr. f. Krankenpflege 1894. S. 213), dass wirklichepsychische Alterationen bei Phthisikern häufig sind und sich zeigen
1. als Schwäche des Gemüthslebens, Labilität der Stimmung, Neigungzur Rührseligkeit, Gereiztheit, leichte Erregbarkeit, Schlaflosigkeit, oder
2. als Schwäche der Intelligenz, Optimismus, schlechte Kritik, Unlust,Neigung zu impulsiven Handlungen, erhöhtes Triebleben und dergl. Untereine dieser Klassen gehört jeder Phthisiker; daher ist er nebenbei odereigentlich besser in erster Linie psychisch zu behandeln. Nicht mitUnrecht hat daher Weicker in sein Krankenbuch eine Spalte: „Charakterdes Kranken" aufgenommen, was wir ihm gern nachthun wollen.
Daher die grosse Bedeutung auch, welche die Person und der Cha-rakter des Arztes hat, ganz abgesehen von seinem medicinischen Fach-wissen, ja in gewissem Sinne wichtiger als dieses. Seine Persönlichkeitsoll imponiren, nicht äusserlich x ), sondern durch seinen für die Krankenbald zu Tage tretenden Charakter. Ein ernster, nicht leichtfertigerMensch, der den Kranken liebevoll, wenn auch, wo nöthig, streng ent-gegentritt und an rechter Stelle einen Scherz zu machen versteht, einMann, der nicht Abends bezecht heimkommt oder von dessen Familien-ieben die ausgefragten Dienstboten Schlimmes erzählen — so kleinlichso etwas erscheint, so bedeutungsvoll ist es — wird Einfluss auf dieKranken gewinnen; merken sie, dass er das Herz auf dem rechten Fleckehat, so vertrauen sie ihm. Und darauf beruht die ganze Therapie.
Dettweiler scheute sich nicht, als Mann der Wissenschaft in einemwissenschaftlichen Buche von der Bedeutung der Hemdenknöpfe, desAbtrittsitzens u. s. w. zu reden: mögen damals manche doctissimi dieNase gerümpft haben, heute hat sich die „Devise des Lungenarztes": ImKleinen gross sein! Geltung verschafft. Die Wissenschaft hoch in Ehren,aber bei der Krankenbehandlung heisst es: hinein ins Leben! Möge dasGelehrtenthum, wenn es die Führerschaft bewahren will, den Kothurnablegen, mit festem Tritt durch das triviale Gebiet des alltäglichenKrankseins hindurchschreiten und ohne Zagen nur in das menschlicheLeben hineingreifen! (Paul Niemeyer).
Der Arzt muss wissen, wie es beim Kranken und namentlich beimArbeiter daheim aussieht, seine Wohnung, seine Lebensweise keimen,von seiner Beschäftigungsart etwas wissen; eine einzige Aeusserunggewinnt ihm den Mann. Er soll als Anstaltsleiter der Frage einerzerrissenen Hose dem Kranken gegenüber mit der gleichen Sorgfalt nahe-treten, wie dem schwierigsten Problem, denn für jenen ist sie oft wich-tiger, als dieses. Er soll sich auch in den Ideenkreis, in die religiösen,sittlichen, ja politischen Anschauungen desselben hineinversetzen können,um vieles verstehen zu lernen.
1 ) Att en läkare behandlar sina patienter som en Korpral sina rekryter är föross svenskar egentligen nägot nytt. Men i Preussen är det ej nägot ovanliget. Berg,Skisser.
Handbuch der Krankenversorgung u. Krankenpflege. I. Bd. 23 '